Bei tropischen Außentemperaturen tagte der Jugendhilfeausschuss im Lüdenscheider Kreishaus. Auf der Tagesordnung standen unter anderem die Bestätigung eines Dringlichkeitsbeschlusses, die strategische Ausrichtung des Jugendamtes und Verabschiedung des Kinder- und Jugendförderplans 2026 sowie der Ausbau der systemischen Schulbegleitung an Grundschulen.
Der Jugendhilfeausschuss bekräftigte einstimmig die strategischen Leitziele des Kreisjugendamts, die bereits 2022 in einem gemeinsamen Workshop erarbeitet worden waren. Ebenfalls einstimmig verabschiedete er die Rahmenkonzeption der Jugendhilfeplanung im Jugendamt. Ziel der Jugendhilfeplanung ist es, Bedarfe von Kindern, Jugendlichen und Familien frühzeitig zu erkennen sowie Angebote bedarfsgerecht weiterzuentwickeln. Zum Planungsprozess gehören eine Bestandsaufnahme (Struktur der Jugendhilfe, aktuelle Angebote, Zielgruppen, Sozialraumanalyse), eine Bedarfsermittlung unter Beteiligung der Zielgruppen und darauf aufbauend die Maßnahmenentwicklung und Qualitätssicherung.
Valeria Klette vom Fachdienst Planung und Steuerung machte deutlich, dass Jugendhilfeplanung eine Gemeinschaftsaufgabe sei und in Abstimmung mit der freien Jugendhilfe, Trägern, Wohlfahrtsverbänden und dem Jugendhilfeausschuss erfolge. Ausschussvorsitzender Stefan Herbel lobte das fortschrittliche Konzept, das vom Jugendhilfeausschuss einstimmig angenommen wurde. Das Kreisjugendamt sei eines der ersten, die ein schriftliches Rahmenkonzept erarbeitet haben und damit mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit in die Planungsprozesse ermöglicht.
Die wichtigsten Eckpfeiler des Kinder- und Jugendförderplans 2026 – 2030 stellten Valeria Klette und Christian Mogk vom Fachdienst Jugendförderung, Kinderbetreuung und Teilhabe vor. Besonders die Themen Chancengleichheit, politische Bildung, Medienkompetenz, präventiver Kinderschutz sowie die Weiterentwicklung von Freizeit- und Beteiligungsangeboten werden die Kinder- und Jugendhilfe des Kreisjugendamtes auch in den kommenden Jahren prägen. Dabei soll die aktive Beteiligung junger Menschen noch mehr in den Fokus rücken. Kinder und Jugendliche sollen nicht nur Adressaten von Angeboten sein, sondern ihre Lebenswelten aktiv mitgestalten können.
Nach den guten Erfahrungen mit einem erfolgreichen Pilotprojekt an zwei Förderschulen des Märkischen Kreises soll das Pooling-Projekt zum Einsatz von Integrationskräften an Grundschulen im Zuständigkeitsbereich des Kreisjugendamtes weiter ausgebaut werden.
Sarah Weiland von der Eingliederungshilfe und Helena Schröder vom Fachdienst Planung und Steuerung berichteten, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler wächst, die ohne Begleitung einer Integrationskraft nicht am geregelten Unterricht teilnehmen können. Damit steigen auch die Kosten im Bereich der individuellen Schulbegleitungen sowie im Bereich der Eingliederungshilfe seit Jahren stetig.
Präventiv will das Kreisjugendamt in den Grundschulen sukzessive in jeder Klasse je eine Betreuungskraft implementieren, die langfristig an einer Schule angestellt ist. Fachlich werden die Betreuungskräfte an jeder Schule von einer qualifizierten Koordinationskraft begleitet. Die Betreuungskraft unterstützen die Lehrkraft, indem sie flexibel und situationsbezogen für jedes Kind, das Unterstützung braucht, eingesetzt werden kann. Sie stehen damit nicht ausschließlich Kindern mit bereits festgestelltem Hilfebedarf oder bewilligter Einzelfallhilfe zur Verfügung. Profitieren können auch Kinder, bei denen Unterstützungsbedarfe bislang nicht festgestellt wurden oder beispielsweise wegen Migration und Sprachbarrieren, keinen unmittelbaren Zugang zu individuellen Hilfen haben. Damit trägt das Modell zur Stärkung von Chancengleichheit im schulischen Alltag bei.
Der individuelle Rechtsanspruch auf Eingliederungshilfe ist unangetastet. Bei erhöhtem Unterstützungsbedarf bleibt eine individuelle Hilfe also weiterhin möglich.
Mit Einführung des Pooling verspricht sich das Jugendamt eine Vielzahl an positiven Effekten. Neben der Reduktion von erwachsenen Helfern je Klasse kann auch eine Stigmatisierung von einzelnen Kindern verhindert werden. Vielen Kindern, die Unterstützung im Schulalltag benötigen, sei eine Ein-zu-eins Betreuung zu viel, erzählt Helena Schröder. Eltern befürchten oft die Stigmatisierung ihrer Kinder. Zu viele Erwachsene in der Klasse können auch den Schulalltag stören. Schülerinnen und Schüler hatten bei einer Umfrage geäußert, dass Einzelfallhilfen nicht immer bedarfsgerecht und flexibel eingesetzt werden können – zum Beispiel bei Aktivitäten außerhalb des regulären Unterrichts, wie Veranstaltungen oder Ausflügen. Für die Kreisverwaltung sind Eins-zu-Eins-Betreuungen mit hohen Kosten und einem hohen Verwaltungsaufwand verbunden. Darüber hinaus führen die befristeten Einzelfallbewilligungen schnell zu befristeten Arbeitsverhältnissen.
Der Dringlichkeitsbeschluss zum Trägerwechsel der Kindertagesstätte „Füchsen“ in Meinerzhagen wurde von den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses einstimmig bestätigt. Der bisherige Träger, Kita Concept, gibt die Trägerschaft im gegenseitigen Einvernehmen Ende Juli ab. Die Entscheidung über die Vergabe der Trägerschaft trifft der Jugendhilfeausschuss allein. Das Landesjugendamt hat den Prozess zur Übernahme der Trägerschaft begleitet. Die Arbeiterwohlwohlfahrt Unterbezirk Hagen-Märkischer Kreis übernimmt ab dem 1. August die Verantwortung.
Acht Kindertageseinrichtungen im Zuständigkeitsbereich des Kreisjugendamtes erhalten im Kindergartenjahr 2026/2027 Fördermittel in Höhe von rund 75.252 Euro zur Flexibilisierung ihrer Betreuungszeiten: die Ev. Kita „Fibs“ in Nachrodt, die Ev. Kita „Wiblingwerde“ in Nachrodt-Wiblingwerde, die Kommunalen Kitas „Wirbelwind“ und „Sausebraus“ in Neuenrade, die AWO-Kitas „Mittendrin“ in Schalksmühle und „Wundertüte“ in Halver sowie der Elterninitiative „Viktoriastraße“ in Schalksmühle. Von den Fördermitteln trägt 75 Prozent das Land Nordrhein-Westfalen und 25 Prozent der Märkische Kreis.
Hintergrund: Das Jugendamt des Märkischen Kreises ist zuständig für die Städte und Gemeinden Balve, Halver, Herscheid, Kierspe, Meinerzhagen, Nachrodt-Wiblingwerde, Neuenrade und Schalksmühle.