Industriekultur stiftet Identität

Ganz im Zeichen der Industriekultur stand die Sitzung des Kulturausschusses des Märkischen Kreises in Balve. Bevor der Ausschuss im Restaurant Balver Höhle in die Tagesordnung einstieg, führte Museumsleiter Stephan Sensen interessierte Ausschussmitglieder durch die nahegelegene Luisenhütte.

In Deutschland hat das Industriedenkmal von nationaler Bedeutung ein Alleinstellungsmerkmal: Hier ist ein komplettes Hüttenensemble mit Eisengießerei erhalten geblieben. Stephan Sensen erläuterte, wie aus Erz, Holzkohle und Kalk früher Eisen gewonnen und verarbeitet wurde. Unterstützt wurde er dabei an mehreren Stationen von Zeitzeugen besonderer Art: Historische Personen wie beispielsweise Hüttenschreiber J.W. Wiebe, ein Tagelöhner oder Hüttenmeister Franz Lichte erschienen als Pepper’s-Ghost-Projektionen und ließen die Vergangenheit lebendig werden. Sie vermittelten spannende Einblicke in Technik, Alltag und Geschichte. In original erhaltenen Räumen wie Hochofen, Gießhalle oder Gebläsehaus tauchten die Besucher in die Arbeitswelt des 18. und 19. Jahrhunderts ein. 

Auf eine mehr als 40-jährige Geschichte blickt der Verein WasserEisenLand (WEL) zurück. Geschäftsführerin Bettina Hornemann vom Fachdienst Kultur und Tourismus stellte im Kulturausschuss seine Bedeutung als industriekulturelles Netzwerk für die Region Südwestfalen heraus. 

Hornemann nahm die Ausschussmitglieder mit auf eine Zeitreise durch die Industriegeschichte der Grafschaft Mark und angrenzender Regionen, die weit ins Mittelalter zurückreicht und die Region bis heute prägt. Eisenvorkommen, Holzreichtum und Wasserkraft waren treibende Elemente einer frühen Metallerzeugung und -verarbeitung. Davon zeugen zahlreiche Industriedenkmäler, oft eingebettet in eine idyllische Naturlandschaft. Bis heute ist die Metallindustrie neben Maschinenbau-, Elektro- und Kunststoffindustrie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Lebendige Industriegeschichte

Um die Industriegeschichte für nachkommende Generationen lebendig zu erhalten und Industriedenkmäler zu bewahren, wurde in enger Verbundenheit mit der heimischen Wirtschaft und unter Mitwirkung des Märkischen Kreises 1996 der „Förderverein Märkische Straße Technischer Kulturdenkmäler e. V.“ gegründet. 2003 erhielt der Verein den griffigen und werbewirksamen Namen „WasserEisenLand – Märkische Industriekultur“. Dem Verbund gehören heute zahlreiche institutionelle und private Akteure der Industriekultur an. Dazu zählen Kommunen, Vereine, Industrie- und Handelskammern, Unternehmen, Privatpersonen sowie Betreiberinnen und Betreiber von Industriemuseen und technischen Kulturdenkmälern einschließlich ehrenamtlich geführter Einrichtungen. Aus dem Märkischen Kreis sind unter anderem die Museen Burg Altena, das Deutsche Drahtmuseum und die Luisenhütte Wocklum in Balve im Netzwerk vertreten.

Neben Wandern und Radfahren ist WasserEisenLand ein wesentlicher Bestandteil der touristischen Netzwerkarbeit des Kreises und der kreisangehörigen Städte und Gemeinden. Laut Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper stärkt die Förderung der Industriekultur den im Kreisgebiet weit verbreiteten Tagestourismus. Der Verein fungiert als Dachmarke für die industriekulturellen Denkmäler und Museen der Region und trägt zur regionalen Identitätsbildung sowie zur Stärkung des regionalen Images bei.

Öffentlichkeitswirksame Aktionen

Geografisch deckt das Kompetenznetzwerk inzwischen ganz Südwestfalen ab. Es umfasst das Sauerland (einschließlich der Stadt Hagen, des Ennepe-Ruhr-Kreises und der Stadt Fröndenberg), das Siegerland, das Wittgensteiner Land sowie den rheinland-pfälzischen Kreis Altenkirchen (Westerwald). Der Verein unterstützt zahlreiche technische Kulturdenkmäler und Industrie- und Technikmuseen sowie industriekulturelle Arbeitsgemeinschaften der Region bei deren Arbeit. WEL berät bei der Ideenfindung und Erstellung musealer Konzepte, begleitet die museumspädagogische Arbeit und hilft, die touristischen Infrastrukturen rund um die technischen Denkmäler zu verbessern. Zudem unterstützt der Verein die Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation bei Aktionen und Werbemaßnahmen. Vor allem aber fördert er den Aufbau des industriekulturellen Netzwerks in der Region und die Einbindung dieses Netzwerks in überregionale Zusammenhänge wie die nordrhein-westfälische Industriekultur und die Europäische Straße der Industriekultur (ERIH).

WEL vertritt die Mitgliederinteressen gegenüber Politik und Wirtschaft und repräsentiert die Region auf Tourismusmessen, Stadtfesten und Kulturveranstaltungen wie beispielsweise „ExtraSchicht“ oder NRW-Tage. Das kulturtouristische Projekt „Stahl-Zeit-Reisen“, das über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert wird, verbindet die Industriegeschichte Südwestfalens und des Ruhrgebiets über länder- und regionsübergreifende Themenrouten (Bergbau, Eisen/Stahl, Wasser, Eisenbahn, Radwege). Als zentrales Element wurde im LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen ein multimediales Informationszentrum eingerichtet. Ziel des Festivalverbunds „FERROMONE – Industrie und Kultur in Südwestfalen“ ist die Steigerung der regionalen Attraktivität und Bekanntheit der Industriekulturlandschaft. Historische Produktionsstätten und Museen werden hierbei als Veranstaltungsorte für Konzerte, Theater sowie Licht- und Mediakunst genutzt. Dem Verbund gehören aktuell bis zu zwölf Standorte in Südwestfalen an, darunter die Veranstaltung „Luise heizt ein“ des Märkischen Kreises.

Regionalkonferenz Kultur- und Tourismus

Auch bei der ersten gemeinsamen Regionalkonferenz Kultur- und Tourismus im Märkischen Sauerland am 2. Juli in der Historischen Fabrikanlage Maste-Barendorf rückte die Industriekultur in den Fokus, berichtete Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper. Im Ergebnis wurde festgehalten, dass die Industriekultur im Märkischen Sauerland über die reine Erhaltung historischer Bausubstanz und Maschinen hinausgeht. Sie wird als identitätsstiftendes Element und Bindeglied zwischen Regionalgeschichte und moderner Wirtschaft verstanden. Dieses Zusammenspiel bietet touristische Potenziale, die künftig noch deutlicher dargestellt werden sollen.

×