„Schreibt man Eichendorff mit einem oder mit zwei f?“

Georg Freiherr v. Eichendorff Graf Strachwitz v. Groß Zauche und Camminetz weiht die Schülerin Lea Galle in seine Familiengeschichte ein. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Georg Freiherr v. Eichendorff Graf Strachwitz v. Groß Zauche und Camminetz weiht die Schülerin Lea Galle in seine Familiengeschichte ein. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 05.10.2021
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Lea Galle, 15 Jahre alt und Schülerin des Woeste-Gymnasiums in Hemer, hat sich auf das Gespräch mit dem Nachfahren des Dichters Joseph von Eichendorff gut vorbereitet. Gemeinsam mit ihrer Kursleiterin Andrea Müller-Kuhlmann und Ulla Erkens, Pressereferentin des Märkischen Kreises, ist sie bei Georg Freiherr v. Eichendorff Graf Strachwitz v. Groß Zauche und Camminetz in Hemer zu Gast. Mit ihrem Literaturkreis hat Lea Galle vorher an einem Eichendorff-Projekt anlässlich des 20-jährigen Partnerschaftsjubiläums zwischen dem polnischen Kreis Ratibor und dem Märkischen Kreis teilgenommen. Dabei ist ein kurzweiliger Film entstanden, der ein Licht auf die Bedeutung des deutschen Lyrikers Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (*10. März 1788. + 26. November 1857) für Schülerinnen und Schüler im polnischen Kreis Ratibor und im Märkischen Kreis wirft.
„An Eichendorff als Inbegriff des romantischen Lyrikers kommt heute kein Abiturient vorbei“, erklärt Andrea Müller-Kuhlmann die Motivation des Woeste-Gymnasiums, an dem Projekt teilzunehmen. Auch die Aussicht, mit den Nachfahren von Eichendorff ins Gespräch zu kommen, habe sie sehr gereizt. „Unter Corona-Bedingungen konnten wir leider auch dieses Jahr keinen deutsch-polnischen Schüleraustausch organisieren. Mit dem kurzen Filmbeitrag zum Partnerschaftsjubiläum am 1. Oktober haben wir einen kleinen Ersatz geschaffen“, sagt Ulla Erkens, Pressereferentin des Märkischen Kreises. Produziert wurde der Film von Ingo Starink von Media4Web in Lüdenscheid. Erkens ist dankbar, dass sich der 81-jährige Ur-Ur-Enkel des Dichters Zeit für die Fragen der Schülerinnen und Schüler des Projekts nimmt, die Lea Galle stellvertretend für alle Teilnehmer stellt.
Gut gelaunt winkt der drahtige Senior seine Besucherinnen durch Garten und Küche ins gemütliche Wohnzimmer. Beiläufig wischt er sich die Finger ab – er hat vorher Pflaumen entsteint. Das Wohnzimmer ist geschmackvoll und zugleich bodenständig eingerichtet. Graf Strachwitz weiht Lea gleich in die Familiengeschichte ein, erzählt von der Vertreibung aus seinem Geburtsort Hünern, den Gefahren der Flucht, denen seine ortskundige Mutter Elisabeth mit ihren elf Kindern (ein Sohn war im Krieg gefallen) so gewitzt aus dem Weg ging.
Zuerst aber fragt er Lea nach seinem vollen Namen. Die Schülerin muss passen. Georg Michael Paul Hubertus Maria Freiherr von Eichendorff – Graf Strachwitz. Mit dieser Namenslänge macht man sich bei Behördengängen keine Freunde. Es war der Herzenswunsch seiner Mutter Elisabeth Gräfin Strachwitz, dass sich ihr jüngster Sohn Georg von ihrem kinderlosen Bruder Rudolf Freiherr v. Eichendorff adoptieren ließ, um den Namen „Eichendorff“ in der Familie weiter zu erhalten. „Mit 20 Jahren hatte ich keinen Bezug dazu. Mir war es eher lästig“, gibt der Ur-Ur-Enkel des Dichters heute zu. Angesichts der großen Aufmerksamkeit, die seinem Dichtervorfahren und somit oft auch ihm und seiner Familie zu Teil wurde, fühlt er sich heute stolz. „Allerdings habe ich auch das Gefühl, dem nicht gerecht zu werden“, sagt er. Dankbar ist er den vielen, oft ehrenamtlich Tätigen im Kreis Ratibor und vor allem in Lubowitz, die das Andenken Eichendorffs pflegen, die Eichendorff-Gedenkstätte in Lubowitz unterhalten, die Schlossruine vor dem weiteren Verfall bewahren und den Friedhof in Ordnung halten. „Man hat mich oft zu Vorträgen eingeladen. Ich war immer sehr gerne in Schlesien. Heute nimmt solche Termine mein Sohn Georg wahr. Wie Eichendorff ist er Jurist und sehr redegewandt“, erzählt der 81-Jährige und erinnert sich an eine kleine Anekdote bei der Einweihung des Eichendorff-Denkmals in Ratibor.
Mit seiner Frau, der Goldschmiedin Uta Gräfin von Strachwitz, und seinen vier Kindern Georg, Elisabeth, Martin und Maria war er zu dem Festakt eingeladen. Seine Kinder waren sehr beeindruckt und eingeschüchtert davon, wie sehr sie dort als Eichendorff-Familie hofiert wurden. „Beim Eintrag in das Goldene Buch drehte sich mein Sohn Martin auf einmal um, und fragt mich völlig verunsichert: ‚Schreibt man Eichendorff mit einem oder zwei f?‘“, schmunzelt Graf Strachwitz. Sein Sohn war damals erst acht oder neun Jahre alt. Übrigens führen auch die Töchter den Namen Freiin von Eichendorff weiter. Elf Enkelkinder sorgen dafür, dass die Linie nicht so schnell erlischt und der stolze Großvater jung bleibt. Auf die Frage nach seinem Lieblingsgedicht zitiert der Senior folgenden Vers:
Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Im Schloss Lubowitz hat der deutsche Dichter Eichendorff gelebt. Die Ruinen erzählen nur noch Geschichten davon. Foto: Hannah Heyn/Märkischer Kreis
Im Schloss Lubowitz hat der deutsche Dichter Eichendorff gelebt. Die Ruinen erzählen nur noch Geschichten davon. Foto: Hannah Heyn/Märkischer Kreis
Pawel Ryborz, Leiter des Eichendorff-Zentrums, zeigt anhand des Stammbaums, dass die Nachfahren des bedeutenden deutschen Dichters im Märkischen Kreis leben. Foto: Hannah Heyn/Märkischer Kreis.
Pawel Ryborz, Leiter des Eichendorff-Zentrums, zeigt anhand des Stammbaums, dass die Nachfahren des bedeutenden deutschen Dichters im Märkischen Kreis leben. Foto: Hannah Heyn/Märkischer Kreis.
Zuletzt aktualisiert am: 05.10.2021