Pflegegrade bei Kindern ermitteln

Die Pflegeberatung des Märkischen Kreises berät kostenlos und unabhängig. Seit März bietet sie auch das Format der Videoberatung an. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Die Pflegeberatung des Märkischen Kreises berät kostenlos und unabhängig. Seit März bietet sie auch das Format der Videoberatung an. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 11.06.2021
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„Wenn das eigene Kind pflegebedürftig ist, stellt es für die Angehörigen eine emotionale und körperlich-fordernde Aufgabe dar. Um das Kind und seine Familie bestmöglich zu unterstützen, kann für das Kind ein Pflegegrad beantragt werden“, erzählt Pflegeberaterin Julia Biedendorf.


Antrag auf Pflegegrad


Erster Schritt: einen Antrag bei der Pflegekasse stellen. „Wir erfahren immer wieder, dass Eltern unsicher sind, ob sie für das eigene Kind einen Pflegegrad beantragen sollen“, berichtet Biedendorf und ergänzt: „Es kommt nicht darauf an, welche Krankheit oder Behinderung in welchem Schweregrad vorliegt. Ausschlaggebend ist lediglich, ob das Kind aufgrund dieser Krankheit oder Behinderung an der selbstständigen Durchführung von Aktivitäten im Alltagsleben beeinträchtigt ist“.


Ausreichend für den Antrag ist ein Anruf oder ein formloses Schreiben. Danach schickt die Versicherung ein Antragsformular zu. „Einige Versicherungen bieten ihr Formular auch auf ihrer Internetseite zum Herunterladen an. Das ist nochmal unkomplizierter“, weiß Biedendorf. Bei einem Erstantrag kommt nach einer gesetzlichen Bearbeitungsfrist von maximal 25 Tagen eine Rückmeldung.


Im nächsten Schritt prüft der medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) oder bei Privatversicherten Medicproof, ob bei dem Kind ein Pflegegrad vorliegt und welcher. Dazu besuchen die Gutachter die Familien normalerweise nach vorheriger Terminvereinbarung Zuhause. Pandemiebedingt finden aktuell auch telefonische Begutachtungen statt.


Um sich auf einen Besuch vorzubereiten rät Biedendorf: „Die Eltern sollten den Alltag mit ihrem Kind im Detail reflektieren. Hilfreiche Fragen sind: Wo sind wir als Eltern besonders gefordert und wo muss mein Kind unterstützt werden? Trauen wir uns zu, unser Kind Zuhause zu pflegen? Gibt es Situationen, in denen wir unser Kind nur eingeschränkt unterstützen können und aus welchen Gründen? Warum haben wir einen Pflegegrad beantragt?“. Auch Dokumente wie Arztberichte, Untersuchungsbefunde oder das gelbe Vorsorgeheft sollten bereitliegen.


Hausbesuch: Selbstständigkeit und Fähigkeiten beurteilen


Am Tag des Hausbesuchs sind zwei Fragen zentral: Wie selbstständig ist das Kind? Welche Fähigkeiten sind in welchem Umfang vorhanden? „Beantwortet werden die Fragen durch sechs Module, in die das Kind eingestuft wird“, sagt Biedendorf. Aus der Praxis weiß sie: „Je nach Alter und damit Entwicklungsstufe sind andere Fähigkeiten wichtig. Bei dem Modul Mobilität wird zum Beispiel beurteilt, ob das Kind – je nach Alter – den Kopf hochhalten, sitzen, krabbeln oder laufen kann“. Kommunikative Fähigkeiten sind unter anderem das Bilden von Ein-Wort, Zwei-Wort, Drei-Wort oder vollständigen Sätzen oder persönliche Ansprachen wie Mama und Papa.


Anschließend gibt es für jedes Modul Einzelpunkte. „Je schwerer die Beeinträchtigung, desto höher ist die Anzahl der Einzelpunkte im jeweiligen Kriterium“, so Pflegeberaterin Julia Biedendorf. Alle Einzelpunkte werden in jedem Modul prozentual gewichtet. Am Ende fließen nur die gewichtigen Punkte in den Pflegegrad ein. 


Dialog mit Eltern und Interaktion mit Kind


Was ist bei dem Besuch noch wichtig? Biedendorf: „Die Eltern sollten den Entwicklungsverlauf ihres Kindes beschreiben: Wie hat sich mein Kind in verschiedenen Bereichen entwickelt und wobei muss es unterstützt werden?“. Weiterhin interagiert der Gutachter mit dem Kind. „Spielerisch prüft dieser verschiedene Fähigkeiten und mögliche Einschränkungen vom Kind. Er achtet zum Beispiel darauf, wie gut dem Kind das Trinken aus dem Becher gelingt, lässt sich das Lieblingsspielzeug und das Zimmer vom Kind zeigen“, erzählt Biedendorf. Weitere mögliche Kriterien: ob das Kind den Wochentag kennt oder ein Bild malen kann.


Zusätzlich wird das Wohnumfeld der Familie beurteilt. „Es könnte die häusliche Pflege erschweren und damit den gemeinsamen Alltag einschränken. Das ist unter anderem der Fall, wenn das Badezimmer zu eng und nicht ebenerdig ist“, weiß Pflegeberaterin Julia Biedendorf. Durch den Besuch können mögliche Hilfen schnell erkannt und empfohlen werden.


Nach dem Besuch erhält das Kind einen Pflegegrad. „Rückmeldung dazu gibt es von der Pflegeversicherung/-kasse - beim Erstantrag innerhalb von 25 Tagen“, so Biedendorf. Die Pflegegrade reichen von eins: geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten, bis fünf: schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung.


Wichtig: Für das Einstufen in einen Pflegegrad vergleichen die Gutachter bis zum elften Lebensjahr die Fähigkeiten eines pflegebedürftigen Kindes mit denen von einem gesunden, gleichaltrigen Kind. „Ab einem Alter von elf Jahren gilt ein Kind in allen Bereichen, die in die Berechnung des Pflegegrades einfließen, als selbstständig. Dann gelten die Berechnungsvorschriften wie bei Erwachsenen“, betont Biedendorf.


Sonderregelung bis zum 18. Monat


Eine Ausnahme bilden Kindern bis zum 18. Lebensmonat. „Kinder in diesem Alter werden grundsätzlich einen Pflegegrad höher eingestuft als ältere Kinder und Erwachsene“. Grund: ihr erhöhter Betreuungs- und Versorgungsbedarf. Biedendorf: „Kinder in dieser Altersgruppe sind aufgrund ihrer physiologischen Entwicklung in allen Bereichen des Alltagslebens noch unselbstständig. Mit der höheren Einstufung ist sichergestellt, dass sie einen entsprechenden Pflegegrad erhalten, die Familie unterstützt und der Alltag erleichtert wird“.


Übersicht über die Module der Begutachtung


• Modul 1: Mobilität
• Modul 2: kognitive & kommunikative Fähigkeiten
• Modul 3: Verhaltensweisen und deren Problemlagen
• Modul 4: Selbstversorgung
• Modul 5: Umgang mit krankheitsspezifischen/therapiebedingten Anforderungen
• Modul 6: Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte


Übersicht über die Pflegegrade


• Pflegegrad 1: geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten
• Pflegegrad 2: erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder Fähigkeiten
• Pflegegrad 3: schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder Fähigkeiten
• Pflegegrad 4: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten
• Pflegegrad 5: schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung


Rund um die Pflege und Entlastung von pflegenden Angehörigen informieren und unterstützen die Pflegeberaterinnen des Märkischen Kreises. Dafür bieten sie Sprechstunden vor Ort und Hausbesuche an. Der Schwerpunkt der Pflegeberatung liegt auf einer individuellen Beratung. Das heißt, es wird nach einer passenden und bedarfsgerechten Lösung für die weitere Versorgung des Ratsuchenden und seiner Familie geschaut. Dabei geht es um die Beschaffung von Hilfsmitteln oder wohnortnahe Versorgungs- und Betreuungsangebote genauso wie um Antragstellung und Leistungen der Pflegeversicherung. Die Pflegeberatung ist unabhängig, umfassend und kostenlos! Die Pflegeberatung ist telefonisch unter: 02352-966-7777 oder: pflegeberatung@maerkischer-kreis.de zu erreichen. NEU: Seit März bietet die Pflegeberatung auch Videosprechstunden an. Ein Termin muss über www.maerkischer-kreis.de vereinbart werden.

Zuletzt aktualisiert am: 11.06.2021