Große weite Welt in kleinen Bildern

Ulrich Biroth und Dr. Christiane Todrowski führen Ernst Schnepper durch die Sammelbilder-Austellung im Kreishaus in Altena. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Ulrich Biroth und Dr. Christiane Todrowski führen Ernst Schnepper durch die Sammelbilder-Austellung im Kreishaus in Altena. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 12.07.2019

„Heute sehe ich alle meine alten Freunde wieder“, freute sich Ernst Schnepper bei der Eröffnung der Sammelbild-Ausstellung im Kreishaus I an der Bismarckstraße 15 in Altena. Sichtlich bewegt nahm der 84-Jährige in Augenschein, wie ansprechend seine Kaufmannsbilder und Sammelalben in Vitrinen und Bilderrahmen präsentiert werden. Bei seinem Rundgang mit Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski und Diplom Archivar Ulrich Biroth wurden so manche Erinnerungen wach.
„Seit meiner frühesten Jugend war ich hinter den Bildertüten her. Sie brachten mir die große weite Welt in mein kleines Kinderzimmer“, erzählt der ehemalige Gründer und langjährige Vorsitzende des Verkehrs- und Heimatvereins Wiblingwerde. Die kleinen, oft farbig und aufwendig gestalteten Sammelbilder wurden beim Kauf bestimmter Markenwaren dazugegeben und lösten in Deutschland schon vor 170 Jahren eine Sammelleidenschaft aus.
„Anfangs waren die Bildchen allerdings dem gehobenen Bürgertum vorbehalten, weil sie mit dem Kauf von Luxusgütern verbunden waren“, erklärt Ulrich Biroth, der für die Ausstellung selbst einige Sammelalben zugesteuert hat. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Firma Stollwerck damit begonnen, auf dem Einwickelpapier ihrer Schokolade farbige Bildchen zu drucken. Ab 1872 verhalf die Justus Liebig Companie dem Reklamebild zum Durchbruch. Das Unternehmen fügte seinem Produkt ‚Liebig‘s Fleischextrakt‘ die sogenannten ‚Liebigbilder‘ bei. Die Bildserien, die jeweils aus sechs aufwendig gedruckten Kärtchen bestanden, beschäftigten sich mit einer großen Vielfalt von geografischen, naturkundlichen sowie geschichtlichen Themen. Die ansprechende Gestaltung und die lehrreichen Texte auf den Rückseiten weckte die Phantasie und prägte sicherlich auch das damalige Weltbild der Sammler mit. „Zeitweise waren die Liebigbilder gefragter als das Produkt“, lacht Biroth. Auch heute noch werden die Liebig-Sammelalben und Bilder hoch gehandelt. Viele Firmen folgten dem Liebigbeispiel. Zum Massenphänomen für die weniger Betuchten wurden die Sammelbilder aber erst im Ersten Weltkrieg, als Zigarettenmarken und Margarinehersteller das Werbepotential der Reklamekärtchen für sich entdeckten.
Während des zweiten Weltkriegs sammelte Ernst Schnepper als Schulkind unter verschärften Bedingungen: Sowohl Geld als auch Güter waren oft knapp. Dennoch wurde die ganze Familie, Verwandte, Freunde und Bekannte eingespannt. Auf dem Schulhof feilschte der Knirps eifrig um fehlenden Bilder. Und dann gab es noch diverse Sammelclubs, wo getauscht oder gekauft werden konnte. Sein erstes Sammelalbum war naturkundlich ausgerichtet und beschäftigte sich mit der Tier- und Pflanzenwelt im Wald. Es gab aber auch Illustrationen zu Märchen, zu Technikthemen und Zukunftsvisionen, zu bekannten Schauspielern und berühmten Köpfen. Auch die Nazis nutzten die Sammelalben als Propagandamittel.
„Mein Vorbild war immer Friedrich der Große“, bekennt der geschichtsbewusste Schnepper. Früh interessierte er sich für Uniformen, Trachten und Wappen. Aber auch ein Album der Eilebrecht Cigaretten- und Rauchwarenfabriken über die Romanhelden von Karl May, Winnetou und Old Shatterhand, durfte in seiner Sammlung nicht fehlen. „Ich hatte ja alle Bücher gelesen“, sagt er. Natürlich war auch Sport immer ein Thema. Schließlich wurde die Produktion der Sammelbilder in Deutschland ganz eingestellt und erst nach Kriegsende wieder aufgenommen. „In der Zeit haben wir die Hefte aus Italien bekommen mit Abbildungen von Kampfflugzeugen und Panzern“, erzählte Schnepper.
In den 1950er Jahren wurde die Zugabe qualitativ hochwertiger Sammelbildchen zu Tabak- und anderen Produkten verboten, nur noch Bilder mit Werbemotiven waren zulässig. Daraufhin hat diese Form der Sammelbilder an Bedeutung verloren und wurde in den 1960er Jahren durch die Fußballbildchen (zuerst von Panini später auch von Gloria) abgelöst. Sie waren nicht mehr an den Kauf eines bestimmten Produkts gebunden, sondern konnten über Sammelpunkte bezogen werden.
„Meine Mutter hat oft mit mir geschimpft, wenn ich wieder mit Sammelbildern nach Hause kam. Sie lagerten alle in unserem Wohnzimmer“, erinnert sich Schnepper. Später schimpfte dann seine Frau über seine Sammelwut. Erst in den 70er Jahren konnte er seine Sammlung in einem eigenen Zimmer unterbringen. Die letzten Jahre lagerten die Alben allerdings auf dem Dachboden. „Das erleben wir oft, dass solche historischen Schätze auf irgendwelchen Dachböden vergessen werden. Sie sind aber definitiv zu Schade zum Wegwerfen“, weiß Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski. Sie bittet daher darum, das Kreisarchiv zu informieren, bevor alte Fotoalben oder Dokumente der Zeitgeschichte Entrümplungsaktionen zum Opfer fallen. Aktuell sucht das Kreisarchiv Fotomaterial aus dem Zweiten Weltkrieg mit regionalem Bezug.
Die Ausstellung „Das Bilderbuch des kleinen Mannes – Sammelbilder für Groß und Klein“ ist bis Oktober während der Öffnungszeiten des Kreisarchivs im Kreishaus I, Bismarckstraße 15 in Altena zu sehen. Weitere Informationen unter 02352 / 966-7055.

 

Die Themenvielfalt und die die lehrreichen Erläuterungen prägten vielfach die Weltsicht der Sammler. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Die Themenvielfalt und die die lehrreichen Erläuterungen prägten vielfach die Weltsicht der Sammler. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Sammelbilder zu Trachten gehörten zu den Steckenpferden von  Ernst Schnepper. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Sammelbilder zu Trachten gehörten zu den Steckenpferden von Ernst Schnepper. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Zuletzt aktualisiert am: 12.07.2019