Sicher aufgehoben

Der Globus aus der Kolonialzeit gelang eher durch Zufall in die Sammlung. Der frühere Landrat Thomée war ein begeisterter Sammler. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Der Globus aus der Kolonialzeit gelang eher durch Zufall in die Sammlung. Der frühere Landrat Thomée war ein begeisterter Sammler. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 25.03.2019
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„Mit einer Abstellkammer hat das hier nichts zu tun“, stellt Holger Lüders direkt zu Beginn klar. Für das ungeübte Auge ist es schwer, einen Überblick zu behalten in den Räumen des Kunstgutdepots des Märkischen Kreises. Lüders hütet als Restaurator der Museen des Märkischen Kreises dieses Reich. In sieben Räumen erstreckt sich auf 350 Quadratmetern eines der drei Depots. Weiße Wände und Leuchtstoffröhren schaffen eine klinische, beinahe sterile Atmosphäre. Luftbefeuchter sorgen für das richtige Klima in den Lagerräumen. Dunkle Jalousien schützen die Kunst- und Kulturgüter vor Sonne. „Wir müssen darauf achten, dass nichts durch die Lagerung kaputtgeht. Da brauchen wir solche Bedingungen.“ Als er anfing, hier als Restaurator zu arbeiten, waren viele Sachen noch auf der Burg in Abstellräumen oder Dachböden eingelagert.
Vom 12.000 Jahre alten Mammutzahn über antike Schwerter und Waffen bis hin zu Türpfeilern aus historischen Häusern ist alles zu finden. Rund 10.000 Depotstücke sind bisher in der Sammlung katalogisiert, doch die eigentliche Zahl liegt nach Lüders Einschätzung weit darüber. Die meisten Gegenstände sind aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Vieles passt nicht in die aktuelle Konzeption der Ausstellungen, doch alles ist von Wert für die Gegenwart und die Nachwelt. Der Wert einzelner Objekte ist oft gar nicht zu bemessen.
Holger Lüders und Karay Klenner, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Restaurationswerkstatt macht, zwängen sich zwischen einem raumhohen Schwerlastregal voller alter Möbel und einem historischen Massivholzschreibtisch hindurch. Dann haben sie die große Kugel auf dem Holzgestell erreicht. Der prachtvoller Holz-Globus aus dem Jahr 1900 von Dr. Carl Peters, einem deutschen Kolonialisten, gehört zu den interessantesten Stücken in der Sammlung. Er verweist auf eine dunkle Seite der deutschen Geschichte. Der frühere Besitzer war für seine aggressive und rassistische Kolonialpolitik bekannt und wurde daher unehrenhaft aus dem Dienst entlassen“, weiß Karay. So ist es bei vielen eingelagerten Gegenständen. Auf den ersten Blick ist es nur eine hölzerne Erdkugel, doch die Geschichte dahinter macht sie zu einem wichtigen Kulturgut.
Wie gelangt nun so ein Stück in ein Lager auf einem Dachboden in Altena? Viele Objekte im Depot und den Ausstellungen hat der frühere Landrat Fritz Thomée gesammelt und zusammengetragen. Den Globus erhielt er über seine Schwägerin, die mit dem Kolonialisten verheiratet war. Er verfügte, dass der gesamte Nachlass Peters an das Burgarchiv geht. So steht die über 100 Jahre alte Weltkugel nun in Altena. „Thomée hatte einen regelrechten Sammlerfimmel. Teilweise ist er durch das ganze Land gefahren, um alte Waffen oder seltene Dinge zu kaufen“, berichtet Holger Lüders. Er sammelte viel für den Wiederaufbau der Burg Altena und die dort geplante Ausstellung. Heute stellt das die Museen des Kreises vor Platzprobleme. Daher ist es praktisch, dass ein überregionaler Austausch unter den Kultureinrichtungen gepflegt wird und so immer wieder Exponate auf Reisen geschickt werden. Auch zwei Fahrräder die in der Sonderausstellung „Rauf aufs Rad“ zu sehen sind, kommen aus dem Depot.
Die Bandbreite der Sammlung ist umwerfend. Türmen sich in einem Raum alte Barockschränke, klassizistische Standuhren und historische Stühle aus dunklem Holz, lagern wenige Meter weiter großformatige Porträtbilder. Im nächsten Raum finden sich alte Glasgemälde. Eines von ihnen war vor 300 Jahren noch am damaligen Rathaus in Altena zu finden. Es zeigt den gesamten Titel des damaligen Preußenkönigs Friedrich I.. Die Grafschaft Mark gehörte zu seiner Zeit zum preußischen Reich.
Der Großteil der eingelagerten Objekte hat einen Bezug zum Märkischen Kreis. So sind beispielsweise die Mammutknochen in Balve ausgegraben worden. Neben dem Regal, wo die Knochen lagern, holt Karay Klenner gezielt zwei alte Hüte von einer Ablage: „So ein Zylinder war im 19. Jahrhundert richtig teuer. Von 20 Reichsmark konnte man sich fünf Stühle kaufen“, weiß sie. Die Geschichte des edlen, schwarzen Hutes konnten die beiden zurückverfolgen: Er gehörte vor über hundert Jahren einem gewissen Friedrich Linden aus Kierspe. Die Recherche zu den Stücken ist ebenso Teil der Arbeit in der Restaurierungswerkstatt wie die schrittweise Digitalisierung und Katalogisierung des Depots.
Im Erdgeschoss befindet sich das Grafikarchiv. In großen Metallschränken liegen tausende Grafiken und Fotos. Mitten auf dem Arbeitstisch, der beinahe den ganzen Raum einnimmt, liegt eine Zeichnung des historischen Kreishauses in Altena. Sie ist für die sachgerechte Restaurierung eines denkmalgeschützten Geländers wichtig.
Holger Lüders wirft einen letzten Blick auf ein großflächiges Gemälde eines Adligen in Prachtuniform. Dann verschließt er die Schutzhülle sorgfältig. Vielleicht taucht es irgendwann in einer Ausstellung auf. Bis dahin ist es im Kunstgutdepot gut und sicher aufgehoben.

Vor drei Jahrhunderten schmückte dieses alte Glasgemälde das alte Rathaus in Altena. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Vor drei Jahrhunderten schmückte dieses alte Glasgemälde das alte Rathaus in Altena. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Mammutknochen aus dem Kreisgebiet: Sie sind zweifelsohne die ältesten Stücke im Depot. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Mammutknochen aus dem Kreisgebiet: Sie sind zweifelsohne die ältesten Stücke im Depot. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Zuletzt aktualisiert am: 25.03.2019