Pionierin auf zwei Rädern

Christel Stattaus tritt heute noch täglich in die Pedale. Entweder auf ihrem Heimtrainer oder auf der Straße. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis
Christel Stattaus tritt heute noch täglich in die Pedale. Entweder auf ihrem Heimtrainer oder auf der Straße. Foto: Mathis Schneider/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 28.01.2019
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Fahrrad fahren war für Frauen lange Zeit nicht selbstverständlich, denn Fahrräder wurden vor der Jahrhundertwende ‚von Männern für Männer‘ gemacht. Die Sonderausstellung „Rauf aufs Rad“ zeigt, wie sich das Rad als Fortbewegungsmittel im Alltag, in der Freizeit und im Rennsport im Lauf der Zeit etablierte. Einen besonderen Akzent legt sie dabei auch auf die Frauengeschichte. Bei Christel Stattaus, geborene Kreimendahl, kommt alles zusammen: Die heute 79-Jährige war Ende der 50-er Jahre West-Deutschlands erste Radrennfahrerin. Der Ausstellung hat sie einige Exponate aus ihrer privaten Sammlung zur Verfügung gestellt.
Sportliches Rennfahren blieb Frauen verwehrt, seit es bereits 1896 deutschlandweit verboten wurde. Christel Stattaus aus Radevormwald ließ sich davon allerdings nicht abhalten: In den 50er Jahren fuhr sie unter belgischer Lizenz Rennen im Nachbarland. „Ich konnte als Kind eher Rad fahren als laufen“, beschreibt die fitte 79-Jährige ihre frühe Leidenschaft für das Radfahren bei einem Besuch im Johanniter-Haus in Radevormwald. Dort wohnt sie mittlerweile mit ihrem Mann Werner. Auch heute fährt sie noch 6000 Kilometer Rad im Jahr – „So lange es noch geht“, wie sie sagt. Die eine Hälfte davon auf ihrem Heimtrainer, für den sie extra einen kleinen Raum in der Wohnanlage erhalten hat. Die anderen 3000 Kilometer auf Touren mit ihrem Mann. Die beiden haben allein in den letzten Jahren 38 Touren gemacht: „Es gibt fast keinen Fluss in Deutschland den wir noch nicht entlanggefahren sind“, berichtet Stattaus. Sie sucht ihre Notizbücher heraus, in denen sie über die Strecken genau Buch führt und zeigt die Längen der Tagesetappen der letzten Touren. Mit fast 80 Jahren wird auch mal auf das E-Bike zurückgegriffen.
In ihren Jugendjahren besuchte sie mit ihrer Familie Radrennen in ganz NRW und sammelte Autogramme und Widmungen der Fahrer. Durch diese Verbindungen bekam sie von einem Betreuer des belgischen Profis Adolph Verschueren mit 18 ihr erstes Rennrad geschenkt, auf dem sie von da an fuhr. „Ich war zu der Zeit noch in der Lehre in unserem Familienbetrieb. Also bin ich morgens vor der Arbeit mit dem Rad von Radevormwald nach Schwelm und zurück gefahren. Und nach der Arbeit habe ich dann nochmal trainiert“, beschreibt Stattaus ihren Alltag. 1958 fährt sie ihr erstes Rennen in Belgien. Zu der Zeit waren es meistens Rundstrecken zwischen 50 und 70 Kilometern – auch mal auf Kopfsteinpflaster. Ihre Eltern waren zunächst nicht begeistert von ihrer Leidenschaft, ließen sich aber bald davon anstecken. „Ich war meistens das ganze Wochenende unterwegs und musste montags dann wieder arbeiten. Glück hatte ich, dass ich mich nie ernsthaft verletzt habe“, resümiert sie.
Die Belgier beschreibt sie als „Radsportbesessene“: „Die Stimmung bei den Rennen war toll – wie auf einem Stadtfest!“, erinnert sie sich lebhaft. Mitunter fuhr sie jedes Wochenende nach Belgien, um bei Rennen zu starten. Ihr größter Erfolg war der achte Platz bei der Europameisterschaft 1958 – als einzige Deutsche. Trotz ihrer Leistungen erlaubte ihr der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) die Teilnahme an den Weltmeisterschaften im selben Jahr nicht. Nach zwei Jahren musste sie aufgrund einer Erkrankung ihrer Mutter das zeitaufwändige Hobby beenden.
Erst 1967 erlaubt der BDR Radrennen für Frauen in Westdeutschland. Christel Stattaus hat sicher einen Beitrag dazu geleistet. Ihre Pionierarbeit im Radsport brachte ihr damals in der Berichterstattung unter anderem die Bezeichnung der „radelnden Amazone“ ein. Weitere Schwerpunkte der Ausstellung sind die Entwicklung des Fahrrads von der Draisine bis hin zum Pedelec und regionale Produktion der Fahrradindustrie. Die Ausstellung läuft noch bis zum 6. Oktober. Weitere Infos unter www.maerkischer-kreis.de.

1958: Christel Stattaus bei einem Rennen in Belgien. Im selben Jahr nimmt sie an der Europameisterschaft teil und landet auf dem achten Platz. Foto: Archiv.
1958: Christel Stattaus bei einem Rennen in Belgien. Im selben Jahr nimmt sie an der Europameisterschaft teil und landet auf dem achten Platz. Foto: Archiv.
Zuletzt aktualisiert am: 28.01.2019