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06.11.2020 LÜD Borkenkäfer – Fingerabdruck des Klimawandels

Rund um Lüdenscheid sind kahle Flächen anstelle dichten Fichtenwaldes unübersehrbar. Den Ursachen wollte die Umweltgruppe 50:50 des Gertrud-Bäumer-Berufskollegs Lüdenscheid auf den Grund gehen und begab sich deshalb unter fachkundiger Führung durch den Leiter des Regionalforstamtes Märkisches Sauerland, Jörn Hevendehl, sowie dessen Kollegin Ronja Martens auf eine Forstexkursion nach Großendrehscheid rund um den Radarturm. Geschockt über das Ausmaß der stark befallenen Fichtenbestände und der Abholzungen sowie den rundherum kahlen Flächen wollten die Schülerinnen und Schüler sich über Ursachen und Folgen des Fichtensterbens informieren. Die Forstfachleute erklärten anhand der Fraßbilder in der Rinde, dass ein dauerhafter Massenbefall durch den Borkenkäfer (Buchdrucker und Kupferstecher) maßgeblich in den letzten drei Jahren diese Schäden ausgelöst haben. Wehren sich die allseits im Märkischen Kreis vorhandenen Fichten normalerweise durch Harzen gegen das Eindringen und die Vermehrung der Käfer, so ist ihr natürliches Immunsystem durch den Klimawandel mit stark zunehmender Trockenheit und wärmeren Temperaturen nahezu lahmgelegt. Die Fichten haben aufgrund von Wassermangel nicht mehr genug Kraft Harz auszubilden. Die Käfer haben nun ein leichtes Spiel und finden ideale Bedingungen vor sich massenhaft zu vermehren. So erzeugen Käfer, die eine Fichte befallen haben, 1,5 Mrd. Nachkommen im Folgejahr. Sie unterbrechen den direkt unter der Rinde laufenden Wasserfluss von der Wurzel in die Baumkrone. Die Bäume sterben in nur 8 Wochen nach einem Befall ab. Die früher gängigen Methoden wie der Einschlag einzelner befallener Bäume, das Entfernen der Rinde von Hand und als letzte Möglichkeit eine Begiftung der gefällten Bäume greifen heute nicht mehr, weil anders als früher, nicht mehr nur einzelne Bäume geschwächt sind, sondern ganze Waldflächen.

„Jetzt steht an erster Stelle, dass das befallene Holz so schnell als möglich aus dem Wald kommt. Und das ist sehr viel Holz“, berichtet Försterin Ronja Martens. So müssen dieses Jahr 8 mal mehr Bäume gefällt werden, als es in Jahren mit gesundem Wald üblich ist. Das geschieht mit der Hilfe von so bezeichneten Harvestern. Das sind große Holzerntemaschinen, die die Bäume fällen. So viel Bäume auf einmal - das bedeutet auch, dass die privaten Waldeigentümer, anstelle von rund 100 € / Kubikmeter Fichtenholz jetzt aufgrund des Überangebots nur noch 30 € erhalten. Abzüglich der Kosten für die Forstmaschinen und die Waldarbeiter bleibt den rund 3.000 betroffenen Waldbesitzern von einem 80 Jahre gewachsenen Baum nahezu nichts mehr übrig.

Auf die Frage, der interessierten GBBK-Schülerinnen und Schüler, was man hätte dagegen unternehmen können, überrascht auch die Fachleute, dass der Klimawandel dann doch so schnell im Märkischen Kreis „angekommen“ ist. „Die Borkenkäfer nutzen nur gnadenlos die veränderten Rahmenbedingungen“, lenkt Jörn Hevendehl den Blick auf den eigentlichen Grund der Misere. Der Auslöser für diese historischen Käferschäden ist die Erhitzung der Erdoberfläche. In der Folge beginnen sich seit etwa 2010 die Windsysteme zu verändern. Das können wir hier vor Ort gut an der Stellung der Wetterhähne oder der Windräder sehen. Zeigte so der Wetterhahn im Sauerland meist westliche und damit regenreiche Winde an, weht der Wind heute vermehrt auch aus dem warmen Süden oder aus östlicher Richtung.

„Diese Luftmassen bringen aber nur wenig Regen zu uns“, so Jörn Hevendehl. Alles in Allem ein folgenschwerer Einschnitt gerade für jene Waldeigentümer, die von der Fichte, dem sogenannten Sauerländer Brotbaum, gelebt haben. Da der heimische Holzmarkt überschwemmt ist, kommen die Bäume per Container nach China.

Doch wie geht es weiter? Hevendehl erläutert dazu, dass man erst einmal 2 Jahre warten sollte, um zu sehen, was sich an Baumarten natürlich ansamt. So sehen die Schüler an einer der Kahlflächen bereits jetzt schon kleine Fichten, aber auch Buchen, Eichen und besonders Birken. Durch die gute Verwurzelung bei natürlicher Ansamung sind diese Bäume später entsprechend resistenter gegenüber Trockenheit als mit Spaten gepflanzte Bäume. Dennoch wird auch mit dem Spaten nachgeholfen. Ansonsten würden die zukünftigen Wälder im Märkischen Kreis vor allem wieder aus Fichte und der für Nassschnee anfälligen Birke bestehen.

In Zukunft werden die Wälder ein Mosaik aus mehreren Baumarten sein. Neben den bekannten Bäumen wie Buchen, Eichen, Birken und Lärchen kommen auch neue dafür aber trockenliebende Bäume dazu. Diese sind allgemein tiefwurzelnde Bäume wie Douglasie, Atlas-Zedern, Tannen und Kastanien. Fällt eine Baumart dann wegen Trockenheit oder einer Baumkrankheit aus, ist nicht mehr die ganze Waldfläche betroffen. Auch bleibt die Holzschwemme aus, so dass die Holzpreise nicht wie heute ins bodenlose fallen. Gerade in Bezug auf den Klimawandel und die Notwendigkeit CO2- als auch Wasserspeicher zu sein, bleibt zu hoffen, dass der Wald sich schnell erholt und durch gezielte Fördermaßnahmen des Staates aufgeforstet wird.

Nachdenklich machte sich die GBBK-Schülerinnen und Schüler auf den Rückweg, in dem Bewusstsein, dass jeder einzelne von uns durch den verantwortlichen Umgang mit unseren Ressourcen dazu beitragen kann, dass unser Ökosystem sich erholt und der Wald der Zukunft als die Lunge der Welt ein Überleben der Menschheit ermöglichen wird.

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