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2017-11-06 Bericht über den Besuch der Zeitzeugen

2017-11-06 Bericht über den Besuch der Zeitzeugen

Zeitzeugen des Holocaust berichteten über ihr Schicksal vor GBBK-Schülerinnen und Schülern

Man hätte im wahrsten Sinne des Wortes die Stecknadel in der mit 180 Schülern vollbesetzten Aula des Gertrud-Bäumer-Berufskollegs fallen hören können, als am Montag, den 06.11.2017, die aus Israel angereisten Lubov Krugliak und Larissa Zakharov über ihr Schicksal während des II. Weltkrieges in der Ukraine berichteten. Beide sind Teil einer Delegation von 12 Überlebenden der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten, die auf Einladung des „Freundeskreises Israel“ und des Vereines „Haus des Lebens“ unter dem Motto „Freiheit braucht Versöhnung“ nach Lüdenscheid gekommen sind. Auch Landrat Thomas Gemke nutzte die Gelegenheit, den bewegenden Schilderungen beizuwohnen. GBBK-Schulleiterin Ursula Wortmann-Mielke begrüßte die Zeitzeugen sehr herzlich und bedankte sich für die aufgenommenen Mühen: „Es ist uns eine große Ehre und Freude, dass sie uns an Ihrem Schicksal teilhaben lassen und den Schülern die Gelegenheit geben, sich davon berühren zu lassen!“ Die damaligen Menschheitsverbrechen seien Aufgabe für die heutige Generation, sich gegen jede Art von Gewalt zu stellen. Sie freue sich sehr, dass das Gertrud-Bäumer-Berufskolleg im Dezember die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“ erhalten werde. Begrüßt wurden die Gäste aus Israel und die Vertreter der einladenden Vereine auch durch Vertreter der Schüler der Abiturklasse des GBBK-Standortes Plettenberg, die mit einem musikalischen Beitrag den sich anschließenden Vorträgen einen würdigen Rahmen gaben. Arnulf von Auer vom Verein „Haus Israel“ führte kurz in das Leben der Überlebenden ein: „Alle unsere Gäste sind in einem Ghetto groß geworden – das ist ein Ort völliger Rechtlosigkeit mit entsetzlichen Bedingungen was Versorgung und Hygiene angeht!“ Die anwesenden Überlebenden dieser Orte des Schreckens des II. Weltkrieges seien zwischen 4 und 10 Jahre alt gewesen und ihre Kindheit sei direkt vorüber gewesen – mit schlimmsten Entbehrungen und dem Erleben des Todes von oft direkten Verwandten. Von Auer betonte, dass alle Gäste aus Israel nicht ihre Hoffnung verloren hätten und so gesehen ein Vorbild seien, dass das Leben den Tod überwinden könne. Lubov Krugliak schloss ihren Vortrag nahtlos an diese Ausführungen an. Sie ist 1934 in einem Dorf in Bessarabien, was bis 1940 zu Rumänien gehörte, geboren worden. Dort floh ihre Familie im Sommer 1941 vor den vorrückenden deutschen Truppen. Ihr Vater wurde eingezogen und starb bei Kampfhandlungen, ohne dass ihre Familie gehört hat, wo und wann das passierte. Ihre Mutter sowie ihre Schwester und ihr Bruder wurden auf der Flucht begleitet von rumänischen Soldaten und Polizisten, die vorgaben, sie beschützen zu wollen, ihnen aber verboten, Essen von Dorfbewohnern anzunehmen und sie letztlich in das Ghetto Bershad, welches das größte Ghetto in Transnistrien war, führten. Sie lernte als 7 Jährige dort den Begriff „Baracke“ und die damit verbundene Bedeutung von Enge, unhygienischen Umständen und Krankheiten kennen: „Wir hatten schon auf der Flucht kaum etwas zu essen, aber der Hunger im Ghetto war das Schlimmste!“ schilderte Krugliak bewegt den interessierten Schülern ihre Erlebnisse zu Beginn des Weltenbrands. „Uns wurde von den Deutschen gleich am Anfang gesagt, dass wir alle umgebracht werden. So hatten wir große Angst!“ führte die Zeitzeugin weiter aus. Sie machte deutlich, dass es unglaublich eng gewesen sei und dass sie sich wie „Wolfskinder“ fühlten, weil ihre Mutter – wie alle Erwachsenen - arbeiten musste. Krankheiten wie Typhus sowie Diphtherie breiteten sich aus und Läuse waren überall. Ihr kleiner Bruder bekam Tuberkulose und ihre Schwester und sie pflegten ihn, so gut es ging, aber er starb kurze Zeit später. Ihre Mutter wollte ihn begraben – doch das verboten ihr die Bewacher. Später erfuhren sie, dass er wahrscheinlich verbrannt worden ist. „Danach kamen die Experimente - wir bekamen eine Flüssigkeit injiziert und später Blut abgenommen. Ich bekam schreckliche Schmerzen und zugleich juckende Ausschläge auf der Haut, unter denen sich Wasser ansammelte“ machte Lubov Krugliak die perfiden und menschenverachtenden Vorgänge im Ghetto deutlich. Scheinbar war das Experiment bei ihr aber gescheitert, da ihr danach kein Blut mehr abgenommen wurde. Die Folgen dieser Experimente war für sie folgenschwer - sie konnte keine Kinder mehr bekommen. Das Ende des Lagers beschrieb die 83 Jährige so: „Viele starben an Hunger und Durst und an Krankheiten – und dadurch, dass keine Neuen mehr ins Lager kamen, wurde es immer leerer. Eines Morgens im Jahr 1944 waren die Bewacher nicht mehr da und kurz darauf kamen russische Soldaten. Sie kamen mir wie Engel vor!“ Nach dem Krieg wollte Krugliak gerne Ärztin werden, aber als Jüdin hatte man in der damaligen Sowjetunion kaum Möglichkeiten, an eine Universität zu kommen. „Ich wollte so gerne Krankheiten wie Tuberkulose heilen, aber das war dann nicht möglich!“ berichtete sie. So wurde sie schließlich Hebamme und wanderte 1981 mit ihrer Mutter und Schwester und deren Familien nach Israel aus. Lubov Krugliak schloss die Ausführungen über ihr bewegendes Schicksal mit den Worten: „Das, was wir erlebt haben, ist wirklich schrecklich gewesen! Ich wünsche euch Frieden und Frieden und Frieden und dass ihr immer einen hellen Himmel über euren Köpfen habt!“ Unter dem warmen Applaus der Schüler lobte sie die israelische Organisatorin der Reise: „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich jemals nach Deutschland kommen würde – aber dann hat mich Erika Teller überzeugt – sie steht für die ganze Menschheit und dass wir zusammen finden! Ich möchte mich an euch als Jugend wenden, in der Hoffnung, dass ihr aus unserem Schicksal lernen könnt!“ Die 1937 geborene Larissa Zakharov wendete sich auch zu Beginn ihres Berichtes an die Schülerschaft des Gertrud-Bäumer-Berufskollegs: „Ich möchte die junge Generation der Deutschen herzlich begrüßen! Ich hoffe, dass es euch gut geht!“ Auch Zakharov stammt aus einem Dorf in der Ukraine und erlebte den Kriegsausbruch als 4 jähriges Mädchen: „Wir sollten evakuiert werden – aber wir haben es nicht geschafft.“ machte sie die Lage zu Beginn des Krieges deutlich. Ihr Vater wurde von der Roten Armee eingezogen – über ihren Verbleib, dessen Tod oder das Todesdatum hat ihre Familie nie etwas erfahren. Wohl kann sie sich aber an den Tod ihrer Oma, ihres Onkels und ihrer Tante erinnern: „Als die Deutschen im August 1941 einmarschierten, sollten alle Juden zur Kommandantur kommen. Wir mussten dann in einer Kolonne zu einem Dorf in der Nähe von Odessa gehen – ohne Versorgung. Ihre Oma sowie Onkel und Tante waren zu alt und konnten nicht mehr gehen – da wurden sie direkt erschossen.“ Damit die Erinnerung an sie nicht endet, hat die 80 Jährige deren Namen in die jüdische Gedenkstätte Jad Vashem, wo alle Opfer des Holokaust verzeichnet sind, in Israel eintragen lassen. Das Ghetto, wo der Marsch von ihr und ihrer Familie letztlich endete, hieß Balabanovka. Es waren umzäunte Baracken, die zum Teil auch unterirdisch angelegt und von einem Elektrozaun umgeben waren. „Unser ständiger Begleiter war der Hunger!“ berichtete die vermutlich letzte Zeitzeugin dieses Ghettos. Es sei furchtbar gewesen, zumal die Mutter zu harter Arbeit gezwungen worden sei und sie als Kinder völlig auf sich gestellt gewesen seien. Immerhin sei es für sie Glück gewesen, dass sie bis zum dortigen Kriegsende 1943 nur an diesem Ort verbleiben mussten. Auch sie berichtete von menschenverachtenden Verhaltensweisen ihrer deutschen und ukrainischen Peiniger: „Die Deutschen haben uns gezwungen, auf und mit Geschossmunition zu spielen und ich bin bis heute Gott dankbar, dass dabei nichts passiert ist.“ Ihr Weg führte erst 1999 nach Israel, wo sie heute mit ihrer Familie in Ashkelon wohnt. Auch ihr Schlussappell an die Zuhörerschaft war dringlich und mahnend: „Tretet für Frieden und Gerechtigkeit ein, damit ein solches Unrecht, wie wir es erleben mussten, nicht mehr hier passieren kann!“ Nach einem langen und herzlichen Applaus durch das Auditorium in der Aula, überreichten die Schülerinnen und Schüler der Abiklasse des Standortes Plettenberg ein Geschenk und dankten den Teilnehmern der Delegation zum Abschluss für ihren Einsatz für Frieden und Verständigung. Schulleiterin Ursula Wortmann-Mielke lud die Gäste aus Israel und Landrat Thomas Gemke anschließend noch zu einem Mittagessen ein, welches von den Assistenten für Ernährung und Versorgung des heimischen GBBK zubereitet worden war. Im Rahmen des Mittagessen bedankte sich auch der Landrat für den erneuten Besuch und wünschte der Delegation noch weiter viele positive Begegnungen. Auch hob er hervor, dass er in diesem Jahr bei seinem Besuch in Israel sehr herzlich von Erika Teller aufgenommen worden sei.

(Karsten Meininghaus)