Backen wie Lily Thomée vor 100 Jahren

Historische Rezepte im Burgrestaurant getestet

Burgrestaurantchefin Andrea Kähne, Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper und Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski testen Lilys Backrezepte, Foto: Erkens/Märkischer Kreis
Burgrestaurantchefin Andrea Kähne, Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper und Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski testen Lilys Backrezepte, Foto: Erkens/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 17.11.2016
| Backen wie vor 100 Jahren nach Rezepten der damaligen Landratsgattin Lily Thomée? Andrea Kähne, neue Chefin des Burgrestaurants, Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper und Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski haben sich dieser Herausforderung gestellt und schon mal die ersten „Rock Cakes“ fürs Winter-Spektakulum auf der Burg Altena gezaubert.
Auslöser der ungewöhnlichen Back-Challange waren gleich drei Anlässe: In den Museen des Märkischen Kreises auf der Burg Altena und im Deutschen Drahtmuseum läuft aktuell die Ausstellung „Bei Tisch – Essen und Trinken in der Frühen Neuzeit“. Das kulinarische Thema hat das Kreisarchiv offenbar bewogen, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft die erste Auflage ihrer historischen Rezepte-Sammlung von Lily Thomée aus der Zeit zwischen 1870 und 1918 zu überarbeiten und in erweiterter Fassung neu aufzulegen. „Dabei haben wir diesmal mit fast 100 Rezepten einen besonderen Schwerpunkt auf Süßspeisen, Konfekt und Gebäck gelegt", erklärt Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski. Die Thomées waren wohl wahre Naschkatzen. Um den Gästen des Burgrestaurants und des Winter-Spektakulums im Advent eine besondere Erinnerung zu kredenzen, haben sich Andrea Kähne und ihr Team von Lilys Backrezepten inspirieren lassen.
„Aus Lilys Rezepte-Sammlung habe ich den englischen „Rock Cake“ ausgewählt, ein Rezept ihrer Schwester, die in England lebte. Das verfeinernde Topping dazu ist Lilys Kaffee-Praline“, erzählt Andrea Kähne. Ohne elektrische Küchengeräte ist die Zubereitung des relativ einfachen Rezepts natürlich etwas mühsamer und zeitaufwendiger. Doch der Ehrgeiz der Restaurantchefin war geweckt. Streng nach historischem Vorbild hat sie die Butter mit der Handreibe ins Mehl gerieben, die Eier mit dem Quirl geschlagen, Zucker, Wein und Citronen-Essenz hinzugegeben und den Teig natürlich mit der Hand geknetet. Anders als im Rezept angegeben, konnte man allerdings die Masse nicht mehr schütten. Sie hatte auch im Rohzustand eine eher felsartige (rock) Konsistenz. Was der Backfähigkeit (halbe Stunde) und der Lockerheit allerdings keinen Abbruch tat.
Statt in kleine Backformen füllte Kähne den Teig in gut eingefettete Metbecher aus Ton, die mit einer Zeichnung der Burg Altena verziert sind. Schließlich soll der „Rock cake“ ja als kleines Erinnerungsstück für den Burgbesuch oder weihnachtliches Mitbringsel dienen. Für die Dekoration legten sich Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper und Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski mächtig ins Zeug und rollten eine Kaffee-Praline nach der anderen. Mit dem Ergebnis können sich die drei Weihnachtsbäckerinnen sehen lassen und auch die erste Verkostung der Prototypen überzeugte mit dem Gesamturteil „lecker“. Der Beweis ist also erbracht: Lilys Rezepte sind durchaus nachahmenswert und weitgehend frei von künstlichen Aromastoffen und Backhilfen. Wer Zeit sparen will, muss auch nicht unbedingt alles per Hand machen.
„Es ist aber sehr aufschlussreich, wieviel Zeit und Kraft damals das Küchenpersonal aufbringen musste, um die Mahlzeiten vorzubereiten“, meint Todrowski. Waren Gäste zu Besuch wurden zusätzliche Dienstboten gemietet, um die Arbeit zu bewältigen. Dass Lily Thomée jemals selber einen Kochlöffel in die Hand genommen hat, ist eher unwahrscheinlich. Aber sie hat einige Re-zepte aus dem Hausstand ihrer Mutter Margarethe Herbers, geborene Romberg (1851-1921), mitgenommen und die Sammlung weiter fortgeführt. Ihr Vater, Kommerzienrat Friedrich Hermann Herbers (1840-1904), war im Kaiserreich einer der reichsten Männer Iserlohns und pflegte einen aufwendigen, internationalen Lebensstil mit einer ganzen Armada an Dienstboten. Im Hause Thomée dagegen ging es bescheidener zu und es wurde in der Regel eine bodenständige und gutbürgerliche Küche bevorzugt. An Festtagen kamen aber auch Austern, Hummer, Hammelrücken und zur damaligen Zeit eher exotische Genüsse wie Artischocken, Parmesankäse oder Risotto auf den Tisch.
„Insgesamt wurde bis auf die Kriegsjahre für die heutige Zeit üppig gekocht und mit Zucker und Fett nicht gespart“, sagt Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper. Beim Nachkochen und Nach-backen der Rezepte ist häufig Fingerspitzgefühl gefragt. Denn Lily nutzte noch die preußischen Maßeinheiten und verwendete bei beispielsweise Quart und Lot statt Liter und Gramm. Ein Quart waren 1,145 Liter und ein Lot 16,66 Gramm. „Das muss man natürlich erst einmal anhand der mitgelieferten Tabellen umrechnen“, so Dienstel-Kümper. Auch die zeitgenössische Rechtschreibung und persönliche Schreibschwächen in der Originalfassung wurden in den neuen Band übernommen. Die Broschüre kostet fünf Euro und kann beim Kreisarchiv, Kreishaus Altena, Bismarckstraße 15, 58762 Altena, Telefon 02352/966-7055, E-Mail: archivundbibliothek@maerkischer-kreis.de bestellt oder direkt in den Bürgerbüros der Kreisverwaltung in Iserlohn (Griesenbraucker Straße 6) und Lüdenscheid (Heedfelder Straße 45) erworben werden.
Die „Rock Cakes“ im Metbecher sind im Burgrestaurant für sechs Euro erhältlich und werden auch während des Winter-Spektakulums vom 25. bis 27. November auf der Burg Altena angeboten.

"Rock-Cakes" nach dem Rezept von Lily Thomee eignet sich auch als Mitbringsel. Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis
"Rock-Cakes" nach dem Rezept von Lily Thomee eignet sich auch als Mitbringsel. Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Zuletzt aktualisiert am: 17.11.2016