Freiheit braucht Versöhnung

Ganz im Zeichen deutsch-israelischer Frendschaft stand das Lüdenscheider Kreishaus beim Besuch der Holocaust-Zeitzeugen, Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Ganz im Zeichen deutsch-israelischer Frendschaft stand das Lüdenscheider Kreishaus beim Besuch der Holocaust-Zeitzeugen, Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 14.09.2016
| Sie waren Kinder als sie die Unmenschlichkeit des Naziregimes in Ghettos, Konzentrations- und Arbeitslagern erlebten: Massenerschießungen und Tötungen, fragwürdige medizinischen Experimente, unendliches Leid. Dreizehn Überlebende des Holocaust reisten unter Leitung von Erika Teller und Vladimir Tufeld auf Einladung des Freundeskreises Israel und des Vereins "Haus des Lebens" aus Israel an, um als letzte Zeitzeugen von ihren Erlebnissen während der Nazi-Zeit zu sprechen - jeder von ihnen mit einer eigenen Geschichte. Sichtlich berührt begrüßte Landrat Thomas Gemke die Zeitzeugen und ihre Gastgeber allen voran Rosi Dicke, Dr. Arnulf von Auer vom Freundeskreis sowie Karl-Friedrich Schulte und Achim Grafe vom "Haus des Lebens e.V." im Lüdenscheider Kreishaus.

Dem Landrat liegt es am Herzen, die Erinnerung an das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit wach zu halten. "Man muss seine Vergangenheit kennen, um Gegenwart verantwortlich zu gestalten", sagte Gemke. Und so wird das "Gedächtnis des Märkischen Kreises" wie Archivar Ulrich Biroth das Kreisarchiv auch nennt, nicht müde mit Ausstellungen beispielweise über den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Region, Schulbesuchen, Vorträgen oder Aufsätzen im Märker an diese Zeit zu erinnern. "Das sind wir den Opfern und ihren Familien schuldig. Sie zu vergessen hieße, sie ein zweites Mal zu ächten", betonte der Landrat. Allerdings ersetzt kein Buch und kein Geschichtsunterricht die persönliche Auseinandersetzung mit Opfern des Nationalsozialismus.

Auf dem 14-tägigen Programm der Gäste aus Israel stehen daher neben den offiziellen Besuchen in Werdohl, Lüdenscheid, Hagen und im Düsseldorfer Landtag viele Gespräche mit Jugendlichen aus verschiedenen Schulen in der Region, darunter auch dem Berufskolleg des Märkischen Kreises in Lüdenscheid. "Solange wir noch die Kraft haben und Sie uns einladen, kommen wir gerne", sagte Vladimir Tufeld auch im Namen von Erika Teller und bedankte sich bei den christlichen Organisationen und Spendengebern, die diese Reise ermöglicht haben. Rund sechs Millionen Juden wurden während des Naziregimes ermordet, darunter eine Million Kinder, machte er deutlich. Bei der Strafverfolgung will er auch 70 Jahre danach keine Milde walten lassen. Beispiele couragierter Deutscher, die Gefangenen geholfen haben, zeigten, dass es immer auch eine Wahl gab. Mehr als 600 Deutsche würden in Israel als "Gerechte der Völker" geehrt.
Gleichzeitig würdigte er die Bestrebungen Deutschlands nach Versöhnung und Wiedergutmachung. Deutschland sei das einzige Land, das seine Taten nicht verleugnet, erklärte Gregor Gurvich überschwänglich als er Thomas Gemke die Fahne Israels überreichte.

Dr. Arnulf von Auer vom Freundeskreis Israel sieht die Besuche als Chance zur Versöhnung und Heilung für die Nachkommen der Täter ebenso wie für die Opfer der traumatischen Erlebnisse. "Viele Überlebende haben die Schrecken ihrer Kindheit erfolgreich verdrängt und sich ihr Leben aufgebaut. Aber im Alter kommt die Erinnerung hoch und sie müssen darüber sprechen", weiß er. Trotzdem ist er erstaunt, dass sie ohne Hass und ohne Bitterkeit kommen. Die meisten seien das erste Mal dabei und wunderten sich ihrerseits, dass sie in Deutschland so herzlich und mit offenen Armen aufgenommen würden. Für die jungen Menschen seien die intensiven Gespräche und die emotionalen Begegnungen mit den Opfern in jedem Fall ein Gewinn. Unter dem Titel "Freiheit braucht Versöhnung" laden die Organisatoren der Reise am Samstag, 17.09., ab 19 Uhr zu einem gemeinsamen Abend in das evangelische Gemeindezentrum der Kirchengemeinde Brügge-Lösenbach an der Schubertstraße ein.

Zuletzt aktualisiert am: 14.09.2016