Pflegefamilien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesucht

Familie Mischnick aus Schalksmühle hat zwei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Foto: Erkens/Märkischer Kreis
Familie Mischnick aus Schalksmühle hat zwei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Foto: Erkens/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 27.04.2016
| Dass ich mit über 60 Jahren noch mal Mutter werde, habe ich nicht gedacht“, lacht Sigrid Mischnick und streicht ihrem dreizehnjährigen Pflegesohn Bahram über die Wange. Bahram ist gemeinsam mit seinem jetzt sechzehnjährigen Bruder Alham aus Afghanistan geflohen und gehört zu den aktuell 66 unbegleiteten Flüchtlingskindern und Jugendlichen in Obhut des Jugendamtes des Märkischen Kreises. „Die Familie Mischnick aus Schalksmühle hat spontan ihre Hilfe angeboten, als die Flüchtlingswelle im letzten Herbst auch den Märkischen Kreis erreicht hat“, erklärt Sozialpädagogin Silke Hufenbach vom Fachdienst Soziale Hilfen des Märkischen Kreises. Sie stellt fest, dass die acht Jugendlichen, die bisher in Pflegefamilien untergebracht werden konnten, nicht nur rasante Fortschritte in ihren Deutschkenntnissen und ihrer schulischen Entwicklung machen, sondern sich insgesamt schneller in die deutsche Gesellschaft integrieren. Aufgrund der guten Erfahrungen sucht der Märkischer Kreis in Zusammenarbeit mit der Interkulturellen Kinder und Jugendhilfe Plan B aus Bochum und der Stiftung Ev. Jugendhilfe Menden weitere Pflegefamilien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

„Wir wollen anderen Familien Mut machen, ebenfalls jugendliche Flüchtlinge aufzunehmen, und bewusst ein Zeichen setzen“, sagt Diakon Andreas Mischnick. Sieben Jahre als Missionar in Afrika – gemeinsam mit seiner Frau hat er in Tansania ein psychiatrisches Krankenhaus und später während des Bürgerkriegs in Ruanda im Auftrag einer großen Hilfsorganisation zwei Flüchtlingscamps geleitet – hat die ganze Familie geprägt. Jetzt sind die Kinder aus dem Haus und haben schon eigenen Nachwuchs. Die Leitung des benachbarten Pflegeheims hat Sohn Steffen übernommen – Die Mischnicks hätten es nun eigentlich mal ruhiger angehen können. Doch das Bedürfnis, jugendlichen Flüchtlingen einen Schutzraum zu bieten, in dem sie Frieden und Ruhe finden können, war offenbar größer. „Natürlich hatten wir viele Fragen und auch Zweifel und Sorgen“, sagt der Diakon und meint dabei auch die muslimische Religionszugehörigkeit vieler Flüchtlinge. „Ein Junge, der mich als Frau nicht als Autoritätsperson akzeptiert, wäre mir nicht in Haus gekommen“, macht Sigrid Mischnick klar deutlich. Ihre Befürchtungen wurden entkräftet. Sie erlebt Alham und Bahram inzwischen als deutliche Bereicherung für ihr Familienleben. „Sie machen das Leben bunter“, sagt sie.

Mischnicks raten Paaren, Familien oder Alleinstehenden, die mit dem Gedanken spielen, einem Flüchtlingskind eines neues zuhause zu geben, die Schulung für Pflegeeltern unbedingt mitzumachen. Sie verpflichte zu nichts, beantwortet aber viele Fragen und Unsicherheiten. „Natürlich wollen Pflegeeltern wissen, worauf sie sich einlassen: Was sind das für Kinder? Was kann uns passieren? Wie gehen wir mit einem traumatisierten Flüchtling um? Diese Fragen stehen in den Gesprächen immer im Raum“, weiß Sozialpädagogin und Familientherapeutin Gülseren Çelebi. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins Plan B Ruhr e.V., der die Pflegefamilie Mischnick in Schalksmühle betreut, und verfügt über langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet der Migrationssozialarbeit insbesondere in den Bereichen ambulante erzieherische Hilfen, interkulturelle Kompetenz sowie interkulturelle Öffnung. Im Sinne einer multikulturell geprägten Gesellschaft ist es ihr wichtig, auch Familien anzusprechen, die selber einen Migrationshintergrund haben und Verantwortung in ihrem neuen Heimatland übernehmen wollen. PlanB stehe für eine "Kultursensible Unterbringung" der betroffenen Kinder- und Jugendlichen unabhängig von der Herkunft der Pflegefamilien, ob Deutsch oder nicht Deutsch. „In unseren Schulungen werden rechtliche-, psychologische- und kulturelle Aspekte in unterschiedlichen Seminareinheiten behandelt, um interessierten Familien ein möglichst ganzheitliches Bild für ihre neue Aufgabe/Rolle vermitteln“, führt die Familientherapeutin aus. Die Beratung und Begleitung der Pflegeeltern und ihrer Pflegekinder erfolgt über die Schulung und Vermittlung hinaus bis zur Beendigung des Pflegeverhältnisses.

PlanB Ruhr ist Mitglied im Verbund Westfälischer Pflegefamilien WPF und besteht aus einem multiprofessionellen Team mit 210 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 30 Herkunftsnationalitäten, die über 40 Sprachen sprechen. „Es ist schon eine sehr große Entlastung, wenn man als Pflegeeltern die Erfahrung macht: Wir sind nicht allein. Um bestimmte Aufgaben müssen wir uns nicht kümmern“, sagt Andreas Mischnik. Er versteht sich gut mit dem Psychologen und Experten für interkulturelle Psychologie Dr. Edgar Salazar vom WPF, der die Geschwister Barahm und Alham psychologisch betreut und die Familie mit Blick auf kulturelle Unterschiede in Erziehungsfragen berät. Dr. Salazar beobachtet, dass Flüchtlingskinder sehr bedacht darauf sind, sich anzupassen und keine Fehler zu machen. Die Trennung von Eltern, Freunden und der vertrauten Umgebung, die Angst vor und während der Flucht, die Strapazen, die Sorge um die Familie – die Flucht war nicht nur finanziell eine zu hohe Investition, um den Erfolg leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Zugleich sind sie sehr motiviert, die Sprache zu lernen, Freunde zu finden und schulisch weiterzukommen. Sie haben keine Alternative. Die meisten von ihnen kommen aus intakten Familien und sehnen sich auch in Deutschland nach familiären Strukturen, die ihnen Sicherheit geben. So auch Alham und Bahram. Sie sind dankbar, dass sie von den Mischnicks so herzlich aufgenommen wurden.

Alham berichtet, dass sie vor der drohenden Rekrutierung durch die Taliban aus Afghanistan geflohen seien. Die Familie lebt in der Nähe von Kundus und wurde von der Terrormiliz der Taliban massiv unter Druck gesetzt. Da sie sich aus Kampfhandlungen zwischen Regierung und Taliban heraushalten will, sah sie – so Alham – nur den Ausweg der Flucht der beiden Söhne. Bei seiner Pflegefamilie in Deutschland genießt Alham besonders die Sicherheit. Die Häuser werden nicht verriegelt. Er kann sich auf der Straße frei bewegen. Und Alham ist hoch motiviert. Während sein dreizehnjähriger Bruder im hier und jetzt lebt, Deutsch lernt, Freunde findet und Fußball spielt, denkt er schon an seine Zukunft: Arzt zu werden, ist sein Traum. Aber er bleibt auch pragmatisch, falls das nicht klappen sollte.



Schulungen für Pflegeeltern

In Zusammenarbeit mit Plan B Ruhr e.V. und der Stiftung Ev. Jugendhilfe Menden führt der Märkische Kreis Schulungen durch für interessierte Familien, Paare oder Alleinstehende, die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ein neues Zuhause geben möchten. Die Erziehungsleistung der Pflegeeltern wird durch ein Pflegegeld honoriert. Auch der Unterhalt der minderjährigen Flüchtlinge wird finanziert.

Voraussetzungen für die Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) sind:
- Teilnahme an einer Schulung
- der Nachweis von ausreichendem Wohnraum.
- Enge Kooperation mit dem Berater des Trägers
- Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen beteiligten wie z.B. Jugendamt, Vormund, Netzwerke
- Bereitschaft zur Auseinandersetzung der Herkunfts- Kultur des Pflegekindes
- Zeit für die Betreuung und Erziehung
- Bereitschaft sich auch in rechtliche Themen einzuarbeiten.
- Die Vorlage eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses ist zwingend erforder-lich.


Die nächsten Schulungs-Termine:

Donnerstag, 12.Mai 16 um 18.00 Uhr, 58540 Meinerzhagen , An der Stadthalle 1, Gesell-schaftsraum 2 der Stadthalle.
Donnerstag, 19.05.16 um 18.00 Uhr, 58507 Lüdenscheid, Rathausplatz 2b, im Telekomgebäu-de, Raum 1.
Anmeldungen und weitere Informationen bei:

PlanB Ruhr e.V., Dr. Edgar Salazar, Tel.: 0234/45966932, e.salazar@planb-ruhr.de.
Jugendamt Märkischer Kreis, Silke Hufenbach, Tel.: 02351/966-6600, s.hufenbach@maerkischer-kreis.de.
Jugendamt Stadt Lüdenscheid, Stefanie Dittmar, Tel.: 02351/17-1635, stefa-nie.dittmar@luedenscheid.de

Zuletzt aktualisiert am: 27.04.2016