Arnold Ludwig von Holtzbrinck - Landrat und Wirtschaftsförderer mit Tradition
Arnold Ludwig von Holtzbrinck wurde als zweiter Sohn am 20.9.1811 in Altena in eine Familie reformierten Glaubens hineingeboren, die schon in dritter Generation den Landrat des Landkreises Altena stellte und im Landkreis Altena einige politische wie auch wirtschaftliche Bedeutung hatte.
Familie
Die Familie von Holtzbrinck stammte aus der Grafschaft Mark, der erste mit Sicherheit feststellbare Vorfahre ist Gerhard Holtzbrinck, der von 1604 bis 1635 Richter in Halver war. Sein jüngerer Sohn Georg von Holtzbrinck wurde Rentmeister und später Freigraf in Altena. Seine Ehe mit Elisabeth Johanette von Diest ermöglichte ihm den Zugang in den Kreis der Honoratiorenfamilien der Stadt. Fortan bekleideten Mitglieder der Familie nicht nur höchste Staatsstellen, sondern gehörten als Unternehmer zu den wirtschaftlich führenden Familien der Grafschaft Mark, die mehrere Hammerwerke unterhielt. Sein Enkel Georg Hermann wurde durch den österreichischen Kaiser Leopold in den erblichen Adel erhoben und konnte in sächsischen Diensten als Generalpostmeister in Polen ein großes Vermögen "anhäufen", mit dem er sowie sein Neffe und Erbe Georg Wilhelm von Lent genannt von Holtzbrinck mehrere große landwirtschaftliche Güter wie z.B. Haus Rhade auf der Volme bei Kierspe und Gut Oedenthal bei Lüdenscheid erwarben. Gesellschaftlich und wirtschaftlich gehörte die Familie von Holtzbrinck also zu den ersten Familien der Grafschaft Mark.
Arnold Ludwig von Holtzbrincks Vater Heinrich Wilhelm wie auch der Großvater gleichen Namens waren bereits als Landräte zu Altena in Amt und Würden, so dass es nicht verwunderlich ist, daß für Arnold Ludwig wie auch für seine beiden Brüder Heinrich Wilhelm und Carl Friedrich der Weg in die preußische Verwaltung vorgezeichnet schien: Der älteste Bruder Heinrich Wilhelm von Holtzbrinck wurde nach seiner Amtszeit als Landrat von Altena schließlich Preußischer Handelsminister und Carl Friedrich war zwischen 1850 und 1854 Landrat von Hagen, bevor er sich aus gesundheitlichen Gründen auf seine Besitzung Haus Habbel bei Herscheid zurückzog.
Die Mutter der Brüder, Anna Maria Henriette Haardt, wurde in Volmarstein als Tochter des Rechtsanwaltes und Notars Johann Peter Haardt geboren. Ihrer Eheschließung waren Querelen vorausgegangen, weil ihr Vater 1808 in die Dienste der Franzosen als Bürgermeister von Schwelm getreten war, während sein Schwiegersohn in spe als treuer Preusse das Landratsamt verloren hatte. Erst kurz vor der Geburt des ersten Sohnes wurde die Ehe am 26.12.1908 geschlossen.
Schulzeit
Arnold Ludwig besuchte nach eigenem Bekunden die Elementarschule und anschließend die Höhere Bürgerschule in Altena, wurde anscheinend aber auch durch den Vater unterrichtet.
Ein Wechsel in die Dritte Klasse des Gymnasiums in Essen erfolgte, wo er vier Jahre verbrachte.
Der Schulzeit schloss sich nahtlos ein Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Berlin, Bonn und Heidelberg an.
Er heiratete die in Kassel am 19. Juni 1811 geborene Emma von Manger, Tochter des Oberpolizeidirektors von Manger und seiner Ehefrau Henriette Collin. Der Ehe entstammte eine Tochter: Henriette Caroline Anna, die am 08.09.1847 in Siegen geboren wurde.
Von den umfangreichen Besitzungen seines Vaters erbte Arnold Ludwig 1841 die Güter Pragpaul (Altena), Einsal (Nachrodt) nebst Hammerwerken, Roland, Vikingsen, Helbecke, und Opperhusen.
Militärzeit und beruflicher Werdegang
Parallel zu seinen Studien begann Arnold Ludwig von Holtzbrinck seine militärische Laufbahn: 1830 bis 1831 diente er als Einjährig Freiwilliger beim 7. Ulanen-Regiment im Range eines Seconde-Lieutnant der Landwehr. Zum Abschluß seiner Studien in Heidelberg wurde er auf seinen Antrag vom 01.03.1832 von den Übungen und Appellen freigestellt.
Am 19. Mai 1832 wurde er zum Seconde-Lieutnant der Cavallerie des 2. Bataillons des Iserlohnschen 16. Landwehrregiments ernannt, im Laufe seiner beruflichen Karriere diente er bei entsprechenden Regimentern in Halle, Sangerhausen, Berlin, Meschede und Attendorn.
Zum Premierleutnant wurde er am 13.04.1847 ernannt und am 16.11.1852 auf Kabinettsorder im Rang eines Rittmeisters aus dem aktiven Dienst entlassen.
Die klassische Laufbahn zum Landrat begann für den Juristen von Holtzbrink mit der gut bestandenen Prüfung zum Auskultator am 29.04.1833 beim Oberlandesgericht Hamm und seiner wunschgemäßen Abordnung an das Land- und Stadtgericht Altena am 01.05.1833. Bereits am 09.07.1834 begann er die weiterführende Ausbildung zum Referendar wiederum beim Oberlandesgericht, die er am 07.05.1834 wiederum mit "Gut" bestand. Auf seinen eigenen Wunsch wurde er am 10.11.1835 aus dem Justizdienst entlassen um als Referendar in den Dienst bei der Regierung in Arnsberg zu treten.
Soweit hatte Arnold Ludwig von Holtzbrinck eine musterhafte Karriere begonnen, doch sollte ihn seine Vergangenheit in Form seiner Mitgliedschaft in einer burschenschaftlichen Vereinigung seinerzeit in Bonn einholen, aufgrund derer er zu einer sechsjährigen Festungshaft bei Verlust aller Ämter und militärischen Titel verurteilt wurde.
Seine vorherigen militärischen und zivilen Vorgesetzten wie z.B. Land- und Stadtrichter Schniewindt in Altena bescheinigten ihm jedoch schon zu seiner Anstellung bei der Regierung in ihren Leumundszeugnissen einen musterhaften Lebenswandel, "innige Treue und Anhänglichkeit" zum Monarchen sowie einen aufrichtigen Charakter. Dies und die am 27.02.1837 ergangene allerhöchste Kabinettsordre, die u.a. eine Begnadigung von Holtzbrincks enthielt, ermöglichten ihm schließlich doch die Zulassung zum zweiten juristischen Examen, die er laut Zeugnis vom 9.11.1839 "mit vorzüglicher Qualifikation zur Anstellung als Mitglied eines Kollegiums" absolvierte. Gleich in Anschluss wurde der vielversprechende Kandidat am 23.11.1839 zum Regierungsassessor ernannt und zur Königlichen Regierung in Merseburg abgeordnet. Für die Absolvierung seiner jährlichen Militärübungen hatte er sich mit dem 11.04.1840 beim 2. Bataillon des 27. Landwehrregiments zu Halle einzufinden.
Mit Order vom 29.9.1841 wurde von Holtzbrinck als Hilfsarbeiter zeitweise der zweiten Abteilung des Königlichen Hausministeriums zugewiesen und auf eigenen Antrag am 12.2.1842 zur Regierung Arnsberg versetzt, wo er so gute Arbeit leistete, dass ihm nach einer Erhöhung der jährlichen Bezüge Anfang Mai 1846 durch königlichen Erlass am 08.07.1846 die Verwaltung des Amtes Siegen angetragen wurde. Aus Rücksicht auf den gesundheitlichen Zustand seiner Gemahlin und mit Billigung seiner Vorgesetzten übernahm Arnold Ludwig von Holtzbrinck erst im Oktober 1846 sein neues Amt.
In Siegen
Der Nachfolger von Holtzbrincks in Siegen, Landrat Manger erzählt von der Rückständigkeit der siegerländischen Region, die 1846 verkehrstechnisch noch nicht den Anschluss an die Welt gefunden hatte, was natürlich besonders die wirtschaftliche Entwicklung bremste. Auch mit der preussischen Disziplin und Verwaltung scheint es in Siegen nicht weit hergewesen zu sein, wo teilweise noch die Bestimmung des aus feudalen Zeiten stammenden Nassauischen Weisthums angewandt wurden und größere Straßenbauten mit der Begründung abgelehnt wurden, daß "Militärstraßen fremde Kriegsvölker nach sich zögen."
Dies änderte sich geradezu radikal mit dem neuen Landrat, der sich schon allein mit seiner Wohnungsnahme im Siegener Schloss den Unbillen der gebildeten Bevölkerung zuzog, die dort vorher Tanzlustbarkeiten veranstaltete – sehr zum Befremden von Zeitgenossen, da sich der Tanzsaal über der Gruft der immer noch hochverehrten Fürsten von Nassau befand.
Der Bau der Sandstraße, mit der der Verkehr um den Burgberg herumgeführt wurde und die sehr zur Entlastung der Zugtiere beitrug, eine neue Wiesenordnung, eine schärfere Polizeiaufsicht und Disziplinierung der Gendarmen und die Revision der Steuerangelegenheiten brachten ihm den Ruf eines schneidigen Beamten aber scheinbar nicht die Liebe der Bevölkerung ein, obwohl man ihm die Abwendung einer Hungersnot 1847 durch die Bildung eines Kreiskornvereins zurechnete.
"Nassauer Freiheit ist Anarchie" – die Revolution von 1848 in Siegen
Anfang März blieb es im Kreis Siegen verhältnismäßig ruhig, die Unruhen begannen mit einer Forderung nach einer schnelleren Pressezustellung durch die Post im Interesse einer besseren Information über die revolutionären Geschehnissen im Umland und wurden durch die Massenentlassungen bei A.A. Dresler, die 200 bis 300 Weber betraf, verstärkt. Sie mündeten in offene Aufruhr am 21./22.03. mit Versammlungen auf dem Siegener Markt. Am 22. März formierte sich eine rasch auf 500 Mann anwachsende Bürgerwehr, am 24. März wurde in Vorländers Intelligenzblatt die Pressefreiheit postuliert, beim Fabrikanten Ax sabotierten die Tuchmacher die Fabrikation.
Der Aufstand gegen die Regierung in Gestalt des Landrates von Holtzbrinck fand am 16. und 17. April seinen Höhepunkt: der eine geraume Zeit schwelende Hass wegen Entscheidungen gegen die Handwerkerschaft und der beabsichtigen Militäreinquartierung, die eine Folge von Drohungen und Ausschreitungen gegenüber Fabrikanten im Hickengrund waren, sowie der Neid wegen der bereits erwähnten Wohnungsname im Schloss fanden hierin ihren Ausdruck.
Der am 15. April vom Landrat angedrohte Militärdurchzug führte zu einer Protestdemonstration einen Tag später vor der landrätlichen Wohnung, die von Holtzbrinck dazu veranlasste, Frau und Tochter in Sicherheit zu bringen – er selbst verblieb in Siegen. Gleichzeitig brodelte die Stimmung in den Wirtshäusern wegen der als "Unehre" empfundenen geplanten Einquartierung hoch, so dass man erwog zum Schutze des Landrates weitere Truppen anzufordern. Die Stadtverordnetenversammlung wohl vor allem unter der Führung von Heinrich Achenbach, versuchte auf die Bürgerschaft einzuwirken und bat die Regierung in Arnsberg um eine genauere Prüfung der Siegener Verhältnisse. Von Holtzbrinck wollte vor der Bürgerschaft kapitulieren, doch bestärkte ihn die Regierung darin weiter im Amt zu verbleiben.
Der zeitgenössische Bericht spricht von der "männlichen Entschlossenheit" der Beamten, die den Aufrührern so imponierte, daß die "irregeleitete Menge in sich ging" sowie von einem aus Konservativen gebildeten politischen Club. Die Bauern und das Bildungsbürgertum sollen treu hinter ihrem Landrat gestanden haben.
Im Mai 1848 arbeitete der Landrat am Gewerberegulativ mit, das die Siegerländer Handwerker vor Exporten schützen sollte und an beide Nationalversammlungen eingereicht wurde.
Seine Besonnenheit und sein Geschick im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung während dieser bewegten Zeit werden verschiedentlich erwähnt.
Neben seiner amtlichen Tätigkeit brachte seine Position weitere ehrenvolle Ämter mit sich: zwischen 1849 und 1854 war der Landrat Direktor des Kultur- und Gewerbevereins Siegen und wurde 1849 zum Schützenhauptmann gewählt. 1850 wählte man ihn zum Abgeordneten der II. Kammer.
1854 wurde Arnold Ludwig von Holtzbrinck mit großer Stimmenmehrheit von der Wahlkommission Iserlohn zum ersten Kandidaten für das Landratsamt Altena ernannt und in der Tat am 28.09.1854 als Landrat nach Altena versetzt. Die Abschiedsschreiben erwähnen nichts von den vergangenen Querelen, sondern loben den Einsatz des Landrats bei der Förderung des Verkehrsnetzes, besonders der Ruhr-Sieg-Eisenbahn, und mithin der heimischen Wirtschaft.
Wieder in Altena
Seine Heimatverbundenheit sowie der Besitz großer Güter im Landkreis Altena führten Arnold Ludwig von Holtzbrinck zurück in seine Heimatstadt Altena. Seit 1854 durfte sich von Holtzbrinck Rittergutsbesitzer nennen, nachdem das Gut Helbecke zum landtagsfähigen Rittergut ernannt worden war und mit der Beerbung seines älteren Bruders fielen ihm auch das Fideikommissgut Gut Oedenthal bei Lüdenscheid zu.
Auch während seiner Zeit in Altena betätigte sich von Holtzbrinck in dem Sektor Wirtschaftsförderung. Mit dem Fabrikanten Friedrich Thomée aus Werdohl gründete er 1856 die bei Nachrodt liegenden Einsaler Walzwerke. Seit 1860 war er Vorsitzender der Provinzialwegekommission und der ständigen Kommission der Provinzialfeuersozietät.
Das 1885 anlässlich der Einweihung der Versestraße verfaßte Festgedicht lobt von Holtzbrinck neben Oberpräsidenten von Bodelschwingh als Mit-Initiator der Versestraße, mit der das als "Aschenbrödel" vernachlässigte Versetal "von ihrem schweren Bann erlöst" wird.
Bei der Bevölkerung galt der Landrat als liberal und volksverbunden. Seine Beliebtheit fand ihren Ausdruck in der 1857 erfolgten Wahl zum Hauptmann der Friedrich-Wilhelm-Schützengesellschaft sowie in der Ernennung zum Ehrenmitglied des Vereins für Orts- und Heimatkunde im Süderland 1884.
Doch auch den sozialen Fragen, die die zunehmende Industrialisierung aufwarfen, zeigte sich von Holtzbrinck gegenüber aufgeschlossen. So ließ der am 26.05.1856 zum Ehrenritter des Johanniterordens ernannte Landrat nunmehr als Commendator der Westfälischen Genossenschaft des Ordens auf der ruinösen Burg Altena das Evangelische Johanniter-Siechen- und Krankenhaus aufbauen.
Mit fast 67 Jahren trat er am 12.6.1878 in den Ruhestand, blieb aber weiterhin politisch aktiv als Mitglied des Provinzialausschusses, dem er 1860 beigetreten war.
Für seine Verdienste um Verwaltung, Wirtschaft und Soziales wurden ihm der Rote Adlerorden 3. Klasse, der Kronenorden sowie der Hausorden von Hohenzollern und schließlich 1884 der Titel Kammerherr verliehen.
Er starb am 08.04.1886 und wurde auf dem Familienfriedhof von Gut Helbecke bei Nachrodt beigesetzt.
Quellen:
Acta personalia civilis, in: KrA MK, Bestand von Carlowitz, ohne Nummer
Acta personalia militaria, in: KrA MK, Bestand von Carlowitz, ohne Nummer
Manuskript des kommissarischen Landrates Manger über die Siegener Amtszeit von Arnold Ludwig von Holtzbrinck, in: Kra MK, Bestand von Carlowitz, ohne Nummer (Anhang zur acta personalia civilis)
Setzler, Wilfried: Die Holtzbrincks – Geschichte einer Familie, 1979
Güthling, Wilhelm: Die Landräte des Kreises Siegen von 1817 bis 1919, in: Siegerland (47) 1970, S. 35-43
Häming, Josef: Die Abgeordneten des Westfalenparlaments 1826-1978 (Westfälische Quellen und Archivverzeichnisse, Bd. 2), Münster 1978, S. 345 (Nr. 682)
Walther Hubatsch (Hrsg.): Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815 – 1945, Bd. 8: Westfalen, Marburg 1980, S. 303
Irle, Lothar: Siegerländer Persönlichkeiten- und Geschlechterlexikon, Siegen 1974, S. 149
Reininghaus, Wilfried: Der Kreis Siegen in der Revolution 1848/49, in Siegener Beiträge. Jahrbuch für regionale Geschichte 3 (1998), S. 33-62
Romeyk, Horst: Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816-1945, Düsseldorf 1994, S. 716-717
Wegmann, Dietrich: Die leitenden staatlichen Verwaltungsbeamten der Provinz Westfalen 1815-1918, Münster 1969, S. 287-288.
SZ vom 12.04.1886
Bilder:
Porträt Arnold Ludwig von Holtzbrinck, Landrat von Altena, um 1860
Festgedicht zur Einweihung der Versestraße, 1884
Speisefolge eines Festessen zu Ehren des Landrats Arnold Ludwig von Holtzbrinck, 1878
Gabriele Aschöwer


