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Livingston

Mit ihren eigenwilligen, äußerst variablen und eindringlich intensiven Rocksongs gehört der Band
Livingston die Zukunft des Alternative Rock. Und auch die Gegenwart, denn diverse Tourneen auf
eigene Faust oder als Special Guest von so unterschiedlichen Künstlern wie The Duke Spirit,
Revolverheld, Ich+Ich, Blind oder dem letzten DSDS-Abräumer Thomas Godoj haben dafür gesorgt,
dass der Name Livingston unter deutschen Rockfans längst ein fester Begriff ist, der für Qualität,
Kreativität und Emotionalität steht. Das alles geschah ganz ohne einen offiziell erhältlichen Tonträger
der Band.
Was also ist so besonders an Livingston, die zielstrebig, unbeirrt, so ganz ohne Hype und Marketing-
Millionen der Spitze entgegenstreben? Nun, diese Band ist echt und man spürt das Feuer, das in den
Musikern brennt. Sie haben sich mit Haut und Haaren der Musik verschrieben, voll auf diese Karte
gesetzt – und gewonnen. Der Einsatz war nicht gering, denn sie haben alles zurückgelassen und sind
aus verschiedensten Richtungen in die Rock-Metropole London gepilgert, im Gepäck nur ihren großen
Traum von der Musik. „Die Stadt ist ein musikalischer Schmelztiegel, sie pulsiert und vibriert, quasi
überall liegt Musik in der Luft“, schwärmt Sänger Beukes Willemse.
Der so charismatische wie stimmgewaltige Sänger Beukes Willemse und der für Gitarre, Gesang und
Keyboards zuständige Chris van Niekerk musizierten bereits in ihrer südafrikanischen Heimat
zusammen. Chris ist in der Nähe von Pretoria aufgewachsen, während Beukes früher auf einer Farm
außerhalb von Newcastle gelebt hat, etwa 250 Kilometer südöstlich von Pretoria. Mit der Gitarre durch
die Bars zu tingeln, war auf Dauer nicht das, was sich die beiden unter einer Karriere als Musiker
vorgestellt hatten, und so brach Beukes Ende der Neunziger nach London auf. Wenig später
verscherbelte auch Chris sein Hab und Gut, sagte der Freundin Lebwohl und folgte seinem
Soulbrother.


Nach diversen Jam-Sessions fanden die beiden im deutschen Gitarristen Jakob Nebel sowie dem
italienischen Schlagzeuger Paolo Serafini zwei ähnlich musikbesessene Weggefährten. Im
Gründungsjahr 2002 spielte der Däne Martin Arnoldi Bass, wurde 2005 aber vom Norweger Christoffer
Borud ersetzt, der wiederum später den Platz für den Engländer Phil Magee räumte. Die perfekte
Formation hatte sich gefunden, in jeder freien Minute wurde gejammt und „bei einer dieser Jam-
Sessions hat es dann endgültig ‚klick’ gemacht“, wie Jakob erzählt. „Beukes und ich hatten danach
Tränen in den Augen“. Das UK-Label Manta Ray Music nahm die Band im Oktober 2006 unter Vertrag
und bald darauf sicherte sich in Deutschland Universal Music den ungeschliffenen Rock-Diamanten
Livingston.
Mittlerweile wohnt nur noch Beukes in London, der Rest hat sich in den Berliner Bezirken Mitte und
Prenzlauer Berg niedergelassen. Doch Wohnorte sind sekundär, Livingston sind überall dort zu
Hause, wo die Sprache der Musik gesprochen wird. Untereinander verständigt man sich auf Englisch,
aber für die wichtigen Dinge bedarf es keiner Worte. Symbole sind eine adäquatere Form des
universellen Ausdrucks, was auch der Albumtitel „Sign Language“ (dt. „Zeichensprache“)
verdeutlichen soll. „Die Sprache der Symbole begegnet uns im täglichen Leben überall“, erklärt
Drummer Paolo. „Speziell für uns sind solche Symbole wichtig, da wir alle aus verschiedenen Kulturen
kommen. Wir haben unterschiedliche Gedanken und Gefühle, wenn wir mit bestimmten Dingen
konfrontiert werden.“
Der Name Livingston geht auf ein Buch zurück, wie Beukes erklärt. „Es ist von Richard Bach und
heißt ‚Jonathan Livingston Seagull’“. In Deutschland besser bekannt unter dem Titel „Die Möwe
Jonathan“. Beukes’ Vater hat ihm immer daraus vorgelesen, als er knapp sechs Jahre alt war, und
seitdem begleitet ihn dieser Roman durchs Leben. „In dem Buch geht es darum, nicht wie jeder
andere zu sein, sondern eine eigene Spur auf der Straße des Lebens zu hinterlassen. Keine Angst zu
haben, wenn man sich dabei nicht an die allgemein gültigen Regeln hält. Den eigenen Traum zu
leben.“


So vielfältig wie ihre Herkunftsländer sind auch die stilistischen Einflüsse, die jeder der fünf Musiker in
den Bandsound mit einbringt, doch auf Bands wie Kings Of Leon, Coldplay, Muse oder die Foo
Fighters können sie sich alle einigen. „Ich würde aus der Grunge-Ecke noch Pearl Jam und Live
erwähnen“, ergänzt Jakob, um gleich darauf anzumerken, dass „es uns nie gekümmert hat, welche
Band gerade angesagt ist, unser Sound hat sich ganz natürlich entwickelt. Die Einflüsse sind wieder
eine Geschichte für sich, weil jeder von uns in seiner musikalischen Sozialisation einen anderen Weg
gegangen ist. Das sind so viele Künstler, die da in unserem Schmelztiegel zusammenkommen.“
Das aus diesem Schmelztiegel geschöpfte Debütalbum der musikalischen Weltenbummler klingt
schlichtweg atemberaubend. Da treffen große Gefühle auf mindestens genauso große Melodien, aus
dem Kontrast von hell und dunkel entsteht eine ganz eigene musikalische Farbe. „In der Band ist die
Balance recht ausgewogen, Glück und Traurigkeit haben gleichermaßen ihren Platz“, sagt Paolo. Die
Musik ist sehr emotional, ohne jemals kitschig zu werden. „Tendenziell sind wir eher auf der traurigen
Seite zu Hause“, räumt Beukes ein. „Ich würde es aber nicht traurig nennen, sondern tiefgehend.“ So
verführerisch klang Melancholie jedenfalls selten.
„Disease“, eine recht harte, aber auch sonnige, beschwingt groovende Nummer, ist da ein
leuchtendes Beispiel. Der Text ist ein nach innen gekehrter Blick auf sich selbst, wie Beukes erklärt.
„In einem Menschen gibt es immer zwei Seiten, wobei die eine Seite nicht das gleiche will wie die
andere. ‚I got this disease, it’s burning in me.’ Man muss sich dieses Konfliktes bewusst sein und die
humane Seite nach Kräften unterstützen.“ Beukes, der alle Lyrics schreibt, betont, dass man bei ihm
„keine vollkommen eindeutigen Aussagen“ finden wird. „Es ist nicht mein Ding, zu sagen, dies ist so
und das ist so.“ Und so ist auch der Text bei der ersten Single „Broken“, einer ergreifenden, schwer
melancholischen Hymne, absichtlich offen gehalten, „damit jeder eigene Verlust-Erfahrungen darin
erkennen kann.“
„Go“, ein hymnischer Stampfer mit Hit-Potential, ist angelehnt an die Geschichte des Rattenfängers
von Hameln. „Es ist eine Aufforderung, etwas mit seinem Leben anzufangen, nicht alles passiv
geschehen zu lassen. Der Refrain thematisiert, wie wenig wir erst erreicht haben, was die
Zukunftsgestaltung der menschlichen Rasse anbelangt.“ Auch die packende, eindringliche Nummer
„Vula“ hat eine Botschaft. Hier singt Beukes in der Sprache Zulu, seit dem Ende der Apartheid eine
der elf offiziellen Sprachen in Südafrika. „Ich bin auf einer Farm aufgewachsen“, erzählt Beukes. „Als
kleiner Junge haben mir Kindermädchen Sprachunterricht gegeben. ‚Vula’, was „sich öffnen“ bedeutet,
war das erste Wort, das ich gelernt habe. In Südafrika stehen die Berge als Metapher für die Barriere
zwischen Arm und Reich. ‚Vula’ bedeutet, diese Trennung zu durchbrechen.“


Die musikalische Achterbahnfahrt „Silence“ bringt die Qualitäten von Livingston auf den Punkt. „Das
ist einer unserer ältesten Songs“, erzählt Paolo. „Es ist eine Kombination der Elemente, die die
einzelnen Musiker in unseren Sound einbringen.“ Das sieht auch Jakob so: „Bei ‚Silence’ ist das
Konzept des kreativen Jammens erstmals so richtig aufgegangen, jeder hat Ideen eingebracht.“ Und
da jeder die Elemente integriert, die ihm am Herzen liegen, findet man auf „Sign Language“ auch
prägnante Tribal-Percussions afrikanischer Prägung, die mit den vielschichtigen Gitarrenriffs perfekt
harmonieren. Im zuvor erwähnten „Disease“ und auch beim druckvollen „One Good Reason“ sind
beispielsweise Dumbek oder Belly-Dance-Drums zu hören. „Wir sind absolut offen, was das
Einbringen neuer Instrumente ins Studio oder auch in die Live-Situation anbetrifft“, bekräftigt Jakob.
Den Livingston-Sound macht diese Offenheit noch origineller und unverwechselbarer.
Am Sound des Albums „Sign Language“ haben gleich sechs ungemein versierte Meister mitgewirkt.
Bei drei Songs kümmerte sich das aus Ingo Politz und Bernd Wendlandt bestehende Team Valicon
(u.a. Silbermond) in den Berliner Valicon Studios um den richtigen Klang. Roland Spremberg (A-Ha,
Sugarplum Fairy u.v.m.) und Moritz Enders (Donots, Revolverheld) nahmen mit Livingston in den
Hamburger Studios Clouds Hill and Boogie Park vier weitere Tracks auf. Clemens Matznick (Guano
Apes, Donots) justierte bei zwei Stücken die Regler in Berlin (Hansa Studio und White Studio) auf die
perfekte Position und der in den USA lebende Engländer Al Clay (u.a. Pink, Therapy?) produzierte
drei Nummern im SteakHouse Studio in Los Angeles sowie in den Sonic Ranch Studios im
texanischen El Paso. Für den knackigen Mix (Hansa Studio Berlin) zeichnete schließlich Michael Ilbert
verantwortlich, der sein Können bereits für The Hives oder Beatsteaks unter Beweis gestellt hat.


Wie fantastisch das Resultat dieser Arbeit ausgefallen ist, wird die Welt ab dem 25.09.2009 erfahren,
wenn das Livingston-Debütalbum „Sign Language“ erscheinen wird.


Besetzung:
Chris van Niekerk (Gitarre/Gesang/Keyboards)
Jakob Nebel (Gitarre/Gesang/Percussions)
Beukes Willemse (Gesang)
Paolo Serafini (Schlagzeug/Gesang)
Phil Magee (Bass/Keyboards)